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Monthly Archives: April 2013

Ich bereise mit Plural Media Services spannende Länder wie Irak, Libyen und Süd-Sudan und führe dort Medientrainings durch. Aber Tunesien war anders. Das Land, das die arabische Revolution auslöste, hatte unter der Diktatur Ben Alis nie eine große Medienkultur. Doch jetzt zeigt uns die junge, zerbrechliche Demokratie vielleicht den Weg auch in unsere Medien- und Werbe-Zukunft.

TV zieht hier 58 Prozent der Mediaspendings auf sich, obwohl es in Tunesien mit einer im internationalen Vergleich geradezu lächerlich geringen Nutzung von nur 1,5 Stunden täglich wahrhaftig kein Leitmedium ist. Coke und Konsorten (und deren Agenturen) sei Dank, denn sie übertragen einfach blindlings ihre Mediastrategien auf ein Land, das sie nicht im Entferntesten kennen. So viel zum Thema „Insights“ der internationalen Konzerne und ihrer Mediaplaner…

Radio verdient sich 16 Prozent der Spendings. Man glaubt hier stark an die Kraft des Audio-Mediums. Und das Entwicklungspotential für Radio ist nach wie vor groß. Vielleicht möchten mich RMS und AS&S auf der nächsten Reise begleiten?

Printmedien – Zeitungen und Zeitschriften – haben sich während der Diktatur nie entfalten können. Das tunesische Volk hat traditionell gelernt, Print nicht zu glauben. Das sitzt tief – und ist schwer zu ändern.

Glauben schenken die Tunesier vor allem ihren Websites – und ausdrücklich – den Blogs. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Tunesier dem Internet eine höhere Glaubwürdigkeit zubilligen als jedem anderen Medium. Gleichzeitig ist das Internet das Medium mit der höchsten Nutzungsdauer, weit vor Fernsehen, Radio oder Print.

Tunesien besitzt heute einen beispiellos hohen Anteil junger Leute. Das erklärt auch den Social Media-Boom: Nach einer Umfrage besitzen 98 Prozent der Hauptstadtbewohner Tunis einen Facebook-Account. 20 Prozent sind außerdem bei Twitter angemeldet. Sie haben kurzerhand das Print-Zeitalter, dann auch die Entwicklungsstufe der Rechner und Laptops übersprungen. Sie alle besitzen Smartphones oder Tablets und sind „mobile“. In diesem Punkt sind die Tunesier den Europäern meilenweit voraus.

Print hat in dieser Welt nur geringe Chancen. Die wenigen Zeitschriften und Tageszeitungen verlieren massiv an Werbeumsatz. Einzig die Wochenzeitungen legen zu: Im vergangenen Jahr um 58 Prozent (Nachtigall, ick hör dir trapsen). Print gewinnt also auch hier im arabischen Nordafrika nur dort, wo es Orientierung bietet, Recherche und Meinung. Nur dann liefert Bezahl-Print einen erkennbaren Gegenwert im Vergleich zu den kostenlosen Medien TV, Radio und Internet. Simpel eigentlich.

Ins Internet, in das mit Abstand meistgenutzte Medium des Landes fließen dennoch erst 1,5% der tunesischen Werbeumsätze. Man würde hier vorsichtig von Wachstumspotential sprechen. (Wenn Sie in Internet-Start-ups investieren möchten, kann ich Tunesien sehr empfehlen.)

Kann Tunesien also als Modell für unsere künftige Mediennutzung herhalten? In mancher Weise schon. Print verblasst in seiner Bedeutung, am ehesten behalten meinungsbildende Wochenzeitungen die Oberhand. TV verliert an Bedeutung als Massenmedium. Radio besinnt sich seiner uniquen Stärke als Audio-Medium. Und das Internet ist der große Sieger, keinesfalls nur stationär, sondern vor allem wegen seiner mobilen Nutzung.

Tunesische Unternehmen haben längst verstanden, ihre Zielgruppen auf Facebook einzufangen, während bei uns noch die „likes“ durch iPad-Verlosungen zustande kommen. Die Tunesier sind uns da weit voraus. Einen Vorteil hatten sie hatten jedoch: Sie haben Kommunikation gleich im digitalen Zeitalter gelernt. In Deutschland werden wir uns noch lange damit schwertun. Uns fehlt die Jugend. Wir bleiben geprägt von Senioren – und die Vergreisung nimmt immer weiter zu.

Der durchschnittliche Tunesier ist halb so alt wie der durchschnittliche Deutsche. Der Deutsche ist geprägt von einer historisch-analogen Mediennutzung. Der Tunesier ist geprägt von einem unterdrückerischen Obrigkeitssystem, von dem er sich online befreite. Es gibt in Tunesien keine „traditionelle“ Mediennutzung, weil alle herkömmlichen Medien – TV, Radio und Print – von der Diktatur Ben Alis kontrolliert und von der Bevölkerung abgelehnt wurden.

Mit der Revolution kam Facebook – oder vielmehr umgekehrt: Facebook hat in den Augen der Tunesier die Revolution erst möglich gemacht. Das erklärt die Hingabe des Volkes zu Internet und Social Media. Das erklärt, warum Blogger hier das gleiche Ansehen genießen wie Journalisten. Man sagt hier: Wenn du nie – und nicht wenigstens mehrfach – von der Polizei aufs Übelste verprügelt wurdest, bist du kein ernstzunehmender Journalist oder Blogger. Das galt vor der Revolution, aber leider auch heute noch.

Was lernen wir daraus? Verdienen unsere Journalisten mehr Prügel (natürlich sinnbildlich gemeint), damit sie sich ihrer Aufgabe besinnen? Können sich dadurch die Printmedien wieder erholen? Kann so Fernsehen zu einem journalistisch ernstzunehmenden Medium werden? Oder wird das Internet ohnehin alle analogen Medien einfach überholen? Werden Blogger die Journalisten, Chefredakteure und Herausgeber bald ersetzen?

Ich weiß es ebenso wenig wie Sie. Aber ich weiß, dass wir von Ländern wie Tunesien viel lernen können. Mehr jedenfalls, als wir in unserer unangebrachten Überheblichkeit und Ignoranz glauben…