Babylon – Oder: Wie eine Branche aneinander vorbeiredet…

Sie kennen die berühmte babylonische Sprachverwirrung? Ja klar. Was jedoch nicht jedem klar ist: Bis in die moderne Zeit ist dieses Phänomen immer wieder aufgetaucht. Derzeit erleben wir es erneut: In den Gesprächen zwischen werbungtreibenden Unternehmen und ihren Mediaagenturen. Sie sprechen in völlig unterschiedlichen Sprachen.

Einige Kostproben gefällig? Bitte sehr…

Kunde: "Ich möchte gern von Ihnen wissen, welche Auswirkungen die digitale und Second Screen-Mediennutzung haben." Agentur: "Wird total überschätzt. Wir machen weiter TV und ein paar Banner…"

Kunde: "Sollen wir eigentlich noch weiter in Zeitungen werben?" Agentur: "Um Gottes willen, nein. Die Auflagen sind um unglaubliche 2% rückläufig. Damit ist längst und endgültig erwiesen: Print stirbt…"

Kunde: "Wir sollten überlegen, ob wir via Social Media einen Dialog mit den Konsumenten beginnen." Agentur: "Schon, aber Social Media taugt, wie Sie sicher wissen, leider nicht für Werbung…"

Kunde: "Wenn die Privatsender Zuschauer an digitale, werbefreie Sender verlieren, müssen wir da nicht reagieren?" Agentur: "Unbedingt, wir verhandeln sofort neue TKPs…"

Kunde: „Macht es wirklich Sinn, unsere Hausfrauen-Spots mitten in der Nacht auszustrahlen?“ Agentur: „Keine Sorge, das sind nur kostenlose Spots…“

Kunde: "Wenn sich die Mediennutzung der Zielgruppe so radikal verändert, müsste sich dann nicht auch unser Mediaplan radikal verändern?" Agentur: "Wie bitte…?"

Kunde: „Angesichts unserer Käuferdaten und der demografischen Entwicklung, finden Sie die Zielgruppe 14-49 nicht arg jung?“ Agentur: „Ach was, das ist nur die Benchmark…“

Kunde: „Ich möchte mal über den Wirkungsbeitrag der einzelnen Medien nachdenken.“ Agentur: „Gern. Wir haben hier ein Excel-Chart mit den erzielbaren Rabatten vorbereitet…“

Kunde: "Ich las neulich, dass Onlinenutzung meist gar keine echte Mediennutzung ist. Wird Online etwa überschätzt?" Agentur: "Wir haben hier einen super Deal für Sie…"

Kunde: „Ich bräuchte in diesem Punkt Ihre Beratung.“ Agentur: „Kleinen Augenblick, ich schau mal, ob jemand vom Einkauf da ist…“

Kunde: „Ich würde gern über den Beitrag von Radio in unserem Mix reden.“ Agentur: „Böse Falle. Da können Sie ja nicht mal Ihr Logo zeigen…“

Kunde: "Ist Second Screen wirklich eine Chance, oder lenkt es nur von unserer TV-Werbung ab?" Agentur: "Wir sollten mehr Geld aus Print abziehen…"

Kunde: "Alle reden von Owned Media. Müssen wir nicht auch darüber nachdenken?" Agentur: "Der ROI der klassischen Medien (also die mit den Kickbacks) ist nach wie vor unübertroffen hoch…"

Kunde: "Ich weiß nicht, ob wir die Mediaplanung so automatisieren sollten." Agentur: "Ich verbinde Sie gern mit unserer Trading/ Tracking/ RealTimeBidding-Abteilung…"

Kunde: "Außer um Rabatte sollten wir uns dringend mehr um unsere Werbewirkung kümmern." Agentur: "Gewiss, aber schauen Sie mal, wir kriegen hier nochmal 20% extra…"

Kunde: "Ich finde Ihr Erlösmodell ein wenig intransparent." Agentur: "Wir überzeugen Sie gern vom Gegenteil – in unserer Villa in Südafrika…"

Man könnte diese Dialoge, so lustig sie klingen mögen, endlos fortführen. Aber dieser täglichen Schmierenkomödie möchte ich lieber nichts mehr hinzufügen…

 

 

 

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2 comments
  1. Lieber Herr Koch,nach der Lektüre Ihrer treffenden "Kostproben" juckte es mich gerade in den Fingern, einen vergleichbaren Blumenstrauß an Beispielen aus dem Vermarkter-Alltag aufzuschreiben. Ihr ufo-Blog ist übrigens klasse!

  2. Thomas Koch said:

    @Kaspar Klippgen Nur zu! Ich freue mich über Ergänzungen…

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