Eine Empfehlung an die Medien. Aus dem Süd-Sudan…

Lange musste ich reisen, bis ich endlich ein Land entdeckte, in dem es noch keine Mediaagenturen gibt. Oder ähnliche Gebilde.

Dazu muss man schon in den Süd-Sudan reisen. Seit einem guten Jahr vom Sudan abgespalten und als jüngstes Land der Welt in die UN aufgenommen, hat es außer einem der vordersten Plätze auf der Liste der ärmsten Länder der Welt zunächst nicht viel zu bieten. Nach Jahren des Bürgerkriegs liegt die Wirtschaft danieder und wartet darauf, dass der Streit mit den sudanesischen Brüdern im Norden um die Ölvorkommen im Süden beigelegt und die einzige Einnahmequelle des Landes endlich wieder sprudelt.

Und ja, es gibt Medien. Das mit Abstand größte Medium des Landes ist nach einer BBC-Studie „Word of Mouth“, gefolgt von Radio und – interessanterweise – der Kirche als Informationsquelle. Radio ist das mit Abstand größte und einzige Medium, das auch ländliche Regionen erreicht. Der TV-Empfang beschränkt sich eher auf die wenigen Städte, in denen es auch einige Zeitungen und Zeitschriften zu kaufen gibt. Angesichts einer Alphabetisierungsrate von nur 27% ist es erstaunlich, dass immerhin 14% der Südsudanesen ihre Informationen aus Zeitungen beziehen – und nur 13% aus dem Fernsehen.

Viel zu tun für Medienmacher. Das dachten auch das Auswärtige Amt und die UNESCO, als sie beschlossen, im Dezember in der Hauptstadt Juba unter Federführung von MICT Berlin das erste „Media & Makers: Juba 2013 – Open Knowledge & Media Sustainability Forum“ durchzuführen. Die mehr als ein hundert Teilnehmer kamen überwiegend von südsudanesischen Medien, aber auch aus den angrenzenden Nachbarländern Uganda und Kenia.

Für mehrere Sessions an den drei Konferenz-Tagen war ich selbst verantwortlich. Dass sie so gut besucht waren, lag an den Themen: Gleich am ersten Tag ging es um „Finance Models & Economic Sustainability“, später dann um „Media Marketing“, „Target Groups & Positioning“ und „Audience Research“.

Die meisten der jungen, unabhängigen Medien sind von „Donor Money“, also von Spendengeldern abhängig. Die UN finanziert den größten Radiosender der Hauptstadt. Allerdings mit der Auswirkung, dass dieser Sender nicht nur über die größten Ressourcen und damit auch Reichweiten verfügt, sondern gleichzeitig auch die wenigen Werbeinnahmen abschöpft – und so das Überleben anderer Sender erschwert. (Das, liebe UN, kann nicht ganz im Sinne des Erfinders der Medienförderung sein.)

So erklärt sich denn auch ein Phänomen, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Fast alle Radio- und Zeitungs-Betreiber sprachen sich gegen „Donor Money“ aus. Sie machen die Erfahrung, dass Geldgeber leider immer auch Einfluss ausüben. Sie wollen jedoch unabhängig sein, endlich völlig unabhängig und frei. Dazu brauchen sie dringend Werbeeinnahmen. Viel gibt die Wirtschaft derzeit jedoch nicht her: Ein paar Mobilfunkunternehmen, eine Handvoll Banken und Fluggesellschaften, amtliche Ankündigungen – und Stellenanzeigen, meist von der UN und den zahlreichen NGOs im Land.

Zumindest kann man den jungen Medienunternehmern und Journalisten Hoffnung machen. Die Wirtschaft wird wachsen, Investoren werden den Süd-Sudan auf ihrer Suche nach immer neuen Märkten entdecken. Die Infrastruktur wird sich zusehends verbessern, Bildung und Wohlstand werden steigen – und mit ihnen der Werbemarkt. Für den Süd-Sudan kann es nur eine Richtung geben: Bergauf.

Was diese Medien von unseren unterscheidet, ist die Mission, die sie jeden Tag leben, die jeden ihrer Schritte begleitet. Sie wollen ihre Leser, Hörer und User bilden, schulen und positiv beeinflussen. Sie wollen die Opposition sein, die gegen das herrschende Regime den Prozess der Demokratisierung und der freien Meinungsbildung vorantreibt.

In einer Zeit und in einem Land, in dem sich Online scheinbar wie selbstverständlich zum alles beherrschenden Medium entwickelt, wollen sie der Wortführer sein. Aber sie meinen das gedruckte Wort. Während wir unsere Zeitungen zu Tode sparen, ausdünnen und einstellen, weil sie keinen Beitrag zur gewünschten Rendite liefern, werden hier Zeitungen gegründet. Weil sie Teil einer Vision sind.

Wir haben den „Media Makers“ des Süd-Sudan dafür einige Ratschläge mit auf ihren Weg geben können. Sie sollten von den Fehlern der „hoch-entwickelten“, westlichen Medien lernen – und weder ihre Inhalte online kostenlos verschenken, noch ihre Werbeseiten unter Wert verkaufen. Sie sollten ihre Werte besser vermarkten und sich gegenüber Lesern und Hörern klarer differenzieren und positionieren. Sie sollten mehr über ihre Nutzer lernen und zu Argumenten im kompetitiven Werbemarkt verarbeiten.

Unsere Ratschläge stießen auf eine unglaubliche Resonanz. Wir hatten ihnen die Augen geöffnet, nein weit aufgerissen – und diesen begeisterten und engagierten Medienmenschen mehr Zuversicht mit auf ihren steinigen Weg geben können. (Und ich möchte am Rande erwähnen, dass ich dem Schicksal sehr dankbar bin, dass es mir diese dankenswerte Aufgabe gibt.)

Nicht erwähnt habe ich in meinen Süd-Sudan-Sessions, dass unsere Medien in Deutschland schon lange keine Mission mehr erkennen lassen, dass sie sich ihrer Ur-Aufgaben längst beraubt haben. Dass sie lächerliche Fehler begehen, die ihre Existenz in Frage stellen. Dass sie ihre eigene Daseinsberechtigung nicht einmal mehr formulieren können. Dass sie längst verlernt haben, dem Werbemarkt zwingende Argumente zuzuführen. Und dass ich die Ratschläge, die ich den südsudanesischen Medienmachern gab, vielen unserer deutschen Medien am liebsten wutentbrannt um die Ohren hauen würde…

Ich habe, wie bereits im Irak, in Libyen und Ägypten, auch bei dieser Konferenz im Süd-Sudan leidenschaftliche Menschen kennengelernt, die einer Berufung nachgehen, anstatt nur einen Beruf auszuüben. Und zum Abschluss der Reise habe ich am Flughafen von Juba auch etwas über den Humor der Menschen hier gelernt. Als ich dem Beamten mein Visum vorlegte, das irrtümlicherweise für die Zeit vom 9. Dezember 2012 bis 9. Januar 2012 ausgestellt worden war, lachte er schallend. Wir wollen nicht wissen, wie ein deutscher Beamte reagiert hätte…

 

 

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