Was bleibt, ist Print…

Im Fußball wechselt man den Trainer aus, wenn es nicht mehr rund läuft. Mit dem neuen Trainer kommt neue Motivation, neuer Spielwitz – und tatsächlich häufig auch der erhoffte Neubeginn. Im Printlager geschieht nun Ähnliches. Bernd Buchholz wird bei Gruner+Jahr für den Misserfolg gescholten und macht den Weg frei für eine neue Trainerin: Julia Jäkel soll es nun richten. Sie ist die Lichtgestalt, die neuen Schwung in die erlahmte G+J-Mannschaft bringen soll. Doch sie schmeißt Spieler um Spieler aus dem Kader – ohne sie (wie beim Fußball) durch neue zu ersetzen. Wie soll die dezimierte Mannschaft des FC Gruner+Jahr es künftig mit den heimstarken Teams von Borussia Online und Eintracht TV aufnehmen? Champions League adé…

Print stirbt. Oder auch nicht. Voller Häme berichten die Online-Medien über den angeblichen Niedergang der Holzmedien. So viel ist in den letzten Wochen hierzu geschrieben worden, dass man sich kaum traut, zur Feder zu greifen. Ich tue es trotzdem. Denn ich habe das Spiel durchschaut.

Die bedauerlichen Nachrichten um die Frankfurter Rundschau haben uns alle erschüttert. Nur gelesen haben wir sie dummerweise nicht mehr. Wer sich den Drahtseilakt zwischen „Eigentlich wäre in Frankfurt Platz für eine regionale Abo-Zeitung“ und „Lieber möchten wir zur Riege der Überregionalen gehören“ leistet, aber keine der beiden Chancen ergreift, geht den Weg alles Irdischen. Das ist ein Beleg für Dummheit, aber kein Beleg für den Untergang der Zeitungen.

Prinz wird eingestellt. Ok. Wer sich nicht um die Kommunikationskultur junger Leute schert und einen belanglosen Mantel um lokale Stadtillus streift, den straft das Leben. Mit der Entwicklung von Print hat das beileibe nichts zu tun.

Kommen wir zu den Fußballhelden von G+J. Tja, Börsentitel braucht’s im Online-Zeitalter gewiss nicht mehr. Ausgekickt. FTD hat sich vom ersten Tag an nicht gegen das übermächtige Handelsblatt diffenzieren können. Und da die Auflagenentwicklung des Wettbewerbers recht positiv verläuft, stirbt auch hier Print nicht. Capital und Impulse sind traurige Geschichten von „Wer sind wir eigentlich, und wenn ja, warum?“ Angesichts der Stärke der Wirtschaftswoche kommt man zum Schluss, dass Wirtschaftsmagazinen durchaus ein Platz in der gedruckten Medienlandschaft gebührt.

Es sind doch die Auflagen der Dickschiffe, die sinken. Hörzu hat sich schlicht überlebt. Brigitte? Machen Sie mal eine Frauenzeitschrift, die 60- wie 20-Jährige gleichermaßen fesselt. Schwierig… Dabei nimmt die Zahl der Titel weiter zu. Klarer Fall: Immer mehr Zeitschriften mit immer geringeren Auflagen. Sie entwickeln sich vom Massen- zum Zielgruppen-Medium. Aber sterben? Nein.

Die Auflagen der Zeitungen sinken. Was jedoch bleibt, sind die wertvollsten Leser, die Zeitungen je hatten: Gebildet, kaufkräftig und meinungsstark. Die Anzeigenkunden werden sich die Finger nach ihnen lecken. Denn sie machen beim Lesen kein Gerät an, sondern ihr Gehirn.

„Print stirbt!“ erweist sich als ein gewaltiges, konzertiertes Ablenkungsmanöver. TV schwächelt: Jüngst bemängelte Tina Beuchler (Nestlé), dass ihre Media-ROIs sinken. Böse Falle. Radio macht zwar glücklich, kommt aber nicht voran. Die Plakatumsätze brechen ein. Und Online wird überschätzt: Nicht nur sind die Werbemittel die reinste Zumutung – auch die Bereitschaft der Unternehmen, mehr zu investieren, sinkt bedenklich. Und Facebook ist nicht einmal ein Medium.

In Wirklichkeit sterben die anderen Medien. Was vom Tage übrig bleibt… ist Print.

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7 comments
  1. Ist das jetzt eine Meinungsäusserung, ein Wunsch oder eine belegbare Aussage? "Die Auflagen der Zeitungen sinken. Was jedoch bleibt, sind die wertvollsten Leser, die Zeitungen je hatten: Gebildet, kaufkräftig und meinungsstark. Die Anzeigenkunden werden sich die Finger nach ihnen lecken." Selbst wenn es stimmt, dann doch nicht bei Print. Genau diese Zielgruppen nutzen das Internet in erster Linie und lesen ihre Inhalte nach Interesse gegoogelt mit Inhalten, die selten in Zeitungen zu finden sind. Ich kann daher diese Position so nicht nachvollziehen, aber vielleicht habe ich Argumente übersehen.

  2. Thomas Koch said:

    @Michael Natürlich ist dies meine Meinung, wenngleich bei dem Gedanken an eine Verschwörung die Ironie nicht zu überlesen ist.Dennoch stimmt es, das Print die gebildetsten Schichten erreicht. Die gleichen Menschen nutzen auch das Internet, das stimmt. Dort sind sie jedoch werblich nur sehr schwer zu erreichen. Online ist ein hervorragendes Vertriebsmedium. Ob es als Werbemedium die gleiche Kraft besitzt, muss es erst noch unter Beweis stellen…

  3. Lesenswert. Print wird sich in der bisherigen Form nicht halten können. Das sage ich nicht mit Häme. Es ist eine real statt findende Veränderung. Sie zu ignorieren oder zu leugnen ist schlimmer. Schnellebige Informationen werden sich nicht mehr als Printinhalte halten können. Sie sind zu schnell alt und bringen auch werblich nix. Fachmedien werden sich noch eine Weile länger halten können. Tageszeitungen hingegen werden sich schneller vom Markt verabschieden. Die Redakteure und Journalisten tun mir leid, da sie ihre Stellen verlieren (verlieren werden). Daher empfehle ich schon früh mit eigenen Online Medien, wie Blogs, zu starten und sich auf ihre eigenen Stärken zu verlassen. Die wenigsten Blogger werden reich, aber es ist eine zusätzliche Einnahmequelle, die sich damit realisieren lässt.

  4. Lieber Herr Koch,da bin ich aber mal gespannt, ob sich die Anzeigenkunden die Finger noch lange lecken – ich befürchte das Gegenteil ist der Fall – jedenfalls wenn alles so bleibt wie bisher und Print nicht klüger operiert.GrussHans Bayartz

  5. Thomas Koch said:

    @Coskun Tuna Interessant. Ich sehe zuerst die Fachmedien auf erfolgreichem Kurs Richtung digitaler Transformation. (Siehe bitte hierzu meinen aktuellen Blogpost.) Bin gespannt. In die kristallkugel können wir leider alle nicht sehen…

  6. Ich bin mir sicher dass einige Vertreter der digitalen Informationswelt so aggressiv verhalten weil die erwartete schnelle Durchdringung von allem nicht erfolgte (sie braucht ihre Zeit – aber sie kommt) und weil die Verlagswelt mit einer Arroganz und Ignoranz diese neue Welt abgetakelt hat. Auch die Erfindung von Begriffen wie Qualitätsjournalismus um sich von Bloggern zu unterscheiden und das Abtun der Blogger trug mit Sicherheit dazu bei. Ein Samen, der itief n ein tausend alte Jahres Mauerwerk hinreinfällt wird es irgendwann sprengen.

  7. Stefan Mothes said:

    Es ist sowieso verwunderlich, warum man beim Exitus eines wirtschaftlich nicht mehr tragbaren Zeitungstitels sofort schreit: "Die Branche ist tot". Beim Ableben eines200kg schweren Bewegungsmuffels und Fast-Food-Junkies würde doch auch niemand ausrufen: "Die Menschheit ist tot". Geht ein Webportal baden, spricht doch auch niemand vom "Ende des digitalen Zeitalters". Warum auch? In allen drei Fällen ist es eine sinnentleerte Verallgemeinerung, die aber in ersterem Beispiel offensichtlich immer noch Gehör findet. Es ist leider, wie so oft: Nachplappern ist einfacher als Nachdenken. Sollten wir bald die Schlagzeile lesen "Brain is dead"?

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