Mediaagenturen: Nie waren sie so überflüssig wie heute…

Die Medientage München 2012 hatten mich gebeten, einen Impulsvortrag für ein Podium zu halten, das sich mit Trading im Mediamarkt beschäftigen sollte und den provozierenden Titel trug: „Vom Broker zum Trader – Der deutsche Mediamarkt im Würgegriff der Großagenturen?“

Es wurde das wohl lebhafteste Panel, das die Medientage 2012 erlebten. Der viel zu klein geplante Raum 12 musste aus feuerpolizeilichen Gründen wegen Überfüllung für nachströmende Gäste geschlossen werden. Ich wurde von vielen Seiten gebeten, mein Manuskript zu veröffentlichen, was ich hiermit gern tue. Und nutze die Gelegenheit für ein paar Anmerkungen und ergänzende Gedanken.

Hier zunächst der O-Ton:

Sie sind Deutschlands Media-Erzfeind #1. Egal, in welcher Mediaagentur Sie gerade arbeiten. Egal, welche Agentur Sie gerade als CEO führen. Ob Carat oder Pilot, ob ZenithOptimedia oder Crossmedia. Der Feind ist ausgemacht: Er trägt den harmlos klingenden Namen „GroupM“.

Entstanden 2003, um – so das offizielle Statement – „die Kräfte im Bereich Media Management zu bündeln“. Im Klartext: Um als Holding, als zentraler Einkaufsverhandler, als Forscher, Progammierer und als Back Office der bis dato separat agierenden WPP-Mediagiganten Mediacom, MEC, Mindshare und Maxus zu agieren.

Hervorgegangen ist sie aus der zur Grey-Gruppe gehörenden Mediacom. Man sagt diesen Leuten nach, sie hätten die Mediaplanung erfunden – was für eine Agentur, die seit 1956 Procter &Gamble betreut, gar nicht einmal so abwegig ist. Sie haben in Deutschland auf jeden Fall die TV-Optimierung mit dem lustigen Namen „Telebingo“ erfunden, die Kick-Backs und das Trading. Ja wahrscheinlich haben sie sogar das Internet erfunden, um nur endlich Targeting betreiben zu können. Sie sind wahre Tausendsassas.

GroupM ist mit gewaltigem Abstand Marktführer und beherrscht nahezu 50% aller deutschen Mediaspendings. Sie vereinen auf sich mehr Umsatz als die drei nächstgrößten Networks zusammen. Sie sind die Marktmacht.

Das schürt Ängste. Das „M“ in GroupM steht vermutlich gar nicht für Media, sondern wahrscheinlich für „Mephisto“. Denn GroupM steht, so möchte man meinen, für das Böse schlechthin. Fragt man nicht nur die Wettbewerber, sondern auch die Medienvermarkter, dann drängen sie dich in eine abgedunkelte Ecke und flüstern hinter vorgehaltener Hand, sie hätten den Teufel gesehen: The Devil In Disguise…

Ich verrate Ihnen heute, warum die Wettbewerber so sauer auf GroupM sind. Nicht wegen ihrer schieren Größe. Auch nicht, weil sie dadurch die vermeintlich besseren Konditionen bei den Medien erzielen.

Denn: Wenn die Medien einer einzigen Agenturgruppe bessere Konditionen zugestehen würden – und sich dadurch in eine immer größere Abhängigkeit begäben, könnten sie GroupM ihr Portfolio doch gleich auf dem silbernen Tablett überreichen. Nein, so blöd können Vermarkter nicht sein. Oder?

Außerdem: „Der deutsche Mediamarkt im Würgegriff der Großagenturen?“ Denken Sie doch mal nach: Die Medien besitzen die Plattformen. Die Kunden besitzen das Geld. Wo sollte denn da ein zwischengeschalteter Dienstleister, selbst wenn er zum Zwischenhändler mutiert, die Daumenschrauben hergenommen haben? Das wäre ja völlig absurd…

Die Wettbewerber, allen voran Aegis, Interpublic, Omnicom und Vivaki sind dennoch stinksauer. Und das zu Recht. Denn GroupM gewinnt einen Großkunden nach dem anderen: Alleine in diesem Jahr  Ratiopharm, L’Oreal und die Gesamt-Etats von P&G und Henkel.

Die armen Wettbewerber. An ihrer Stelle wäre ich auch sauer. Aber wohl eher auf die eigene Fehlleistung. Die der Starcom entrissenen P&G-Etats sind nämlich reine Planungsetats. Hier muss Mediacom wohl doch eine überlegene Mediastrategie abgeliefert haben. Und wer glaubt, dass man an den Einkaufskonditionen von L’Oreal und Henkel noch hätte schrauben können… kennt offenbar L’Oreal und Henkel nicht.

In Wirklichkeit zählen die Mediaagenturen der GroupM gerade in Sachen Strategie und Planung zur absoluten Spitze in Deutschland. Die Mediacom seit vierzig Jahren. Sie sind nie stehengeblieben und haben immer weiter in Know-how und Tools investiert. Im Gegensatz  zu ihren Wettbewerbern? Ja, diese Erkenntnis wäre schon extrem ärgerlich.

So. Genug des Lobliedes auf GroupM. Jetzt kommt das dicke Ende.

Was deren WPP-Aktionäre nicht wissen: Die Agenturgruppe hat sich verrannt. Sie läuft einer Vision hinterher, die es nicht gibt. Sie sägt mit allem, was sie derzeit vorantreibt, auf dem Ast, auf dem sie sitzt.

Beginnen wir mit dem Trading. Der Begriff entstammt ursprünglich dem Wertpapierhandel. Die Definition dort lautet: „Buying and selling commodities on a short-term basis, hoping to make quick profits. “Also flapsig übersetzt: Der An- und Verkauf von völlig austauschbaren, bisweilen wertlosen Gegenständen – für ‘ne schnelle Mark. Es geht dabei um hochrabattierte Massen-Medien-Plätze. Seven One Media nennt es selbst „Restplatzvernichtung, äh, -vermarktung“…

Begonnen hat damit GroupM, was ihnen den Spitznamen „Darth Trader“ einbrachte. Die Arroganz, mit der sie dabei öffentlich unter Einsatz ihrer Marktmacht vorgingen, brachte ihnen den Unmut aller Medien ein. Den Ursprung des Trading (das die Medien ärmer und die Agenturen reicher macht) finden wir im Online-Geschäft, von wo sich die Seuche schnell auch in Richtung TV und Print ausbreitete.

Trading ist ein Irrsinn, der sich nicht durchsetzen wird. Nicht nur, weil es der Kundenverband OWM ausdrücklich ablehnt. Ein Medium, das auch nur Teile seines Portfolios an eine Agentur zur Weitervermarktung abgibt, gehört geteert und gefedert. Das wäre so, als würde Apple seine Patente verschenken, Google seinen Algorithmus.

Targeting, also das Auftreiben und „Vor-sich-Her-Treiben“ von Menschen im Netz, funktioniert in der derzeitigen Form höchstens in der Theorie. In der Praxis führt es zu mehr oder weniger lustigen Anekdoten, über die der Verbraucher heute noch schmunzelt und in lustige Blogposts verarbeitet. Bevor er irgendwann beginnt, dieses Web-Stalking abgrundtief zu verabscheuen. Der JWT Paris-Chef sagte kürzlich: „Wir stopfen den Menschen so lange Werbung in den Hals, bis sie uns hassen.“ Hoffentlich ist Targeting also nur der Vorläufer einer wieder einfühlsamen und intelligenteren Zielgruppenansprache.

Die durch Big Data und Targeting entstehende Automatisierung der Zielgruppenansprache wird – ebenso wie die TV-Optimierung nur zu völlig identischen TV-Plänen führte – für die Agenturen zu ihrem Waterloo. Entweder, weil sich der Verbraucher doch nicht durch Computer-Software einfangen lässt. Oder weil sich die Mediaagenturen ihres USP, der Beratung, berauben. Denn je mehr Mediaplanung und Mediaeinkauf automatisiert werden, desto weniger brauchen Kunden Mediaagenturen. Sondern nur noch deren Software.

Den jüngsten Auswuchs dieses Automatisierungswahns finden wir im Real-Time-Bidding, bei dem im Auktionsverfahren Gebote für Online-Werbeflächen und deren Nutzer abgegeben werden. Zunächst eine Domäne der Agenturen, haben hier schon erste Kunden das Heft selbst in die Hand genommen – und bieten fleißig mit.

Je mehr die Mediaagenturen auf Mediaeinkauf – und in der Planung auf Software (statt auf individuelle Beratung) setzen – je mehr sie sich also auf Automatisierung konzentrieren, desto überflüssiger werden sie. Und die Kunden, die ohnehin die meisten Daten selbst besitzen, nehmen Media einfach selbst in die Hand. Womit das leidige Thema Transparenz und „Kick-backs“ endlich ein Ende hätte.

Schon wären alle zufrieden: Zumindest die Kunden und Medien. Die Mediaagenturen, die sich leider von Beratern und Dienstleistern zu System-Schmarotzern entwickelt haben, sind dann passé.

Das digitale Zeitalter hat unvorstellbare Veränderungen und ebenso bahnbrechende Innovationen zur Folge. Zwei davon sind Transparenz und Dialog. Viele davon – wie Social Media und die zunehmende Bedeutung einer digitalen Markenführung – sind für unsere Arbeit positiv und begrüßenswert. Mehr denn je verlangt das digitale Zeitalter jedoch von allen Unternehmen, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Von allen – auch von den Agenturen.

Wenn die Mediaagenturen sich also nicht sehr bald wieder als transparente Dienstleister aufstellen, die nicht mehrheitlich in die eigene Tasche wirtschaften, ist ihr Ende vorprogrammiert. Da sie sich in diesem Punkt jedoch nicht eine Handbreit bewegen, prognostiziere ich das Ende der Mediaagenturen für das Jahr 2018. Dann hätte das digitale Zeitalter ein neues, allerdings selbstverschuldetes Opfer gefunden.“

Ende O-Ton.

Beim anschließenden Schlagabtausch ging es denn auch heiß her. Da wurde diskutiert, ob Mediaagenturen ihr Geschäft davon abhängig machten, inwieweit Medien überhaupt einem Tradingvolumen zustimmen. Man begäbe sich in eine juristische Grauzone, wenn Kundengelder mittelbar zu Tradingvolumen führen.

Da wiedersprach Matthias Dang (IP) Dietmar Otti (Springer) und postulierte, mit Trading würde die eigene Rendite sinnlos an Agenturen verschenkt. Da warf Matthias Ehrlich (UIM) Robert Mayer-Uellner von Xaxis (GroupM) vor, beim Targeting datenschutzbedenklich und womöglich rechtswidrig vorzugehen.

Und als einziges Argument brachte Oliver Roth als Vertreter der unabhängigen Mediaagentur Pilot vor: GroupM müsse als Branchenprimus mehr Verantwortung zeigen…

Die Presse stürzte sich gierig auf die lebhafte Diskussion http://www.absatzwirtschaft.de/content/online-marketing/news/trading-im-mediamarkt-wer-hat-angst-vor-groupm;78405 und man darf gespannt sein, wie die Mediaagenturen darauf nun antworten.

Am nächsten Tag folgte ein Panel, auf das ich sehr gespannt war. Branchenexperten versprachen einen Blick in den „Werbemarkt 2015“. Wenn die monoton vorgetragene Zukunft allerdings so leidenschaftslos wird, wie von den Experten von Tomorrow Focus, McKinsey, Mediaplus, Burda, SevenOne und Facebook vorgetragen, dann bin ich doch nicht gespannt. Ein Beispiel soll ausreichen: Auf die Frage, wie denn eine Mediaempfehlung in Zukunft aussehen werde, antwortete Volker Helm, Sprecher von Mediaplus mit „Ganzheitlich“. Diese Antwort hätte im Jahre 2005 vielleicht Erstaunen ausgelöst…

Nein, die Medientage München 2012 waren für die unabhängigen Mediaagenturen kein gutes Pflaster. Sie haben kein gutes Bild abgegeben. Sie haben sich nicht unverzichtbar gemacht. Sie haben nicht Position bezogen. Sie haben eine große Chance verwirkt.

Für die Gesamtheit der Mediaagenturen war es ein Desaster. Ich bin gespannt, wie sie dem Markt erklären wollen, dass sie in Zukunft eine Bereicherung der Werbebranche darstellen. Ob sie wirklich einen Beitrag zur erfolgreichen Kommunikation ihrer Werbekunden zu liefern gedenken. Und ob sie nicht doch inzwischen völlig überflüssig sind.

Zu guter Letzt möchte ich Mediaplus – wie auch allen anderen Mediaagenturen – die Chance geben, uns zu sagen, wie eine Mediaempfehlung im Jahre 2015 wirklich aussehen könnte. Die Kommentarfunktion ist hiermit eröffnet…

 

 

 

 

 

 

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11 comments
  1. Sehr geehrter Herr Koch,Ihre klaren Worte zum Thema "Targeting" machen mich besonders froh. Leider gibt es meines Wissens keine Statistiken die belegen könnten, wieviele Menschen geradezu abgestoßen sind von dieser Form der Hetzjagd im Netz. Erst nach 3 Monaten wurde ich ein kobaltblaues Joop-Jackett wieder los, aber nur deshalb, weil sich inzwischen irgend eine Hose meiner Netz-Vita angenommen hatte. Das Verfolgungsszenario ging 6 Monate lang. Da baut man schon einen kleinen Hass auf die digitalen Mediaplanerheckenschützen auf ;)Beste GrüßeVR

  2. Thomas Koch said:

    Ich entsage dem Targeting ganz einfach. Ich hinterlasse keine Cookies…

  3. Michaela said:

    Ganz groß geschrieben.Ich vermittle keine Affiliate und Targeting Profis mehr, weil es mir wie Herrn Remy geht. Bei mir eben keine Jackets, sondern Handtaschen und Schuhe ;)Less is more – wäre schön da wieder hinzukommen.

  4. Volker Remy said:

    Das mit den Cookies abstellen ist natürlich so eine Sache, aber im Prinzip wäre das schon die korrekte Antwort auf soviel Kaltschnäuzigkeit und den Dreist. Ich möchte wirklich wissen, wie viele "on-the-brink-Kaufentscheidungen" und "nearbuys" aufgrund des Targeting abgebrochen wurden. Mir ging es so beim Joop Jackett. Ich hab’s nicht gekauft, weil ich mich über das Targeting / Re-Targeting so aufgeregt habe.

  5. Eine ähnliche Situation gibt es bei der Kommunikation im Umfeld um das "Employer Branding" bzw. "Arbeitgebermarke". Wenige grosse Personal-Marketing-Agenturen und deren Berater zwingen den Arbeitgebern einen mehr oder weniger gleich monotonen Auftritt und sich sehr gleichende Media- und Massnahmenpläne auf.Studenten und Absolventen finden dann beispielsweise auf der Absolventenmesse "Connecticum" über 300 Unternehmen in Standboxen zu 3×4 m. Jedes Unternehmen ist "der ideale Arbeitgeber", überall lachen junge Menschen von den Broschüren. Nur noch die Position des Logos des Unternehmens ist an leicht anderer Stelle platziert.Genau so auch der Auftritt in den Medien. Kataloge mit über 150 sich gleichenden Firmenprofilen sind keine Seltenheit. Ob sich so eine individuelle Positionierung erreichen lässt?Dabei geht es eigentlich doch darum, so nah wie möglich und so nachhaltig wie möglich mit der jeweiligen Zielgruppe – hier mit Studenten und Absolventen aus dem Fachbereich – zu kommunizieren.Da braucht es echtes Involvment. In der Botschaft und bei der Agentur. Und dieses gibt es zum Glück nicht als Standardlösung.

  6. Benno said:

    Geschätzter Herr Koch,gerne hätte ich Ihrem Vortrag persönlich beigewohnt – somit bin ich froh, dass Sie an dieser Stelle für öffentliche "Transparenz" sorgen.In einigen Punkten kann ich Ihre Kritik nachvollziehen, möchte an dieser Stelle allerdings feststellen, dass ich wiederum andere Teile als zu populistisch erachte.Gerne möchte ich folgend näher darauf eingehen:- "Wo Licht ist, ist auch Schatten." oder "Ist wirklich "Darth Trader" die "dunkle Macht"?"Agenturen sind schon immer darauf angewiesen in Symbiose mit anderen zu (über-)leben. Die "fetten Jahre" sind (lange) vorbei, in denen Media-Agenturen von satten 15% Agenturprovision (mehr als) gut leben konnten. Warum lehnt ein Verband wie die OMW das Thema Trading ab, wo doch die obersten Vorstände des Verbandes Unternehmen repräsentieren, die bereits seit Jahrzehnten "Konditionen" und "Effizienz" ganz groß schreiben? Die Beispiele L’Oreal und Henkel haben Sie selbst zitiert… Ich persönlich betrachte es seit Jahren als bedenkliche Entwicklung, dass Dienstleister nicht von Honoraren der Auftraggeber alleine gewinnbringend leben können sondern von "Zuwendungen" der Lieferanten (kick-backs) oder den Margen aus eigenem Trading! Für manche mag sich an dieser Stelle die Frage stellen: "Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei?"Ist es jedoch in weiterer Folge nachvollziehbar, warum "Kunden" auf der einen Seite und "Medienkonzerne" auf der anderen Rekordgewinne vermelden dürfen und die (ich zitiere) “System-Schmarotzer“ dazwischen "von der Hand in den Mund" leben sollen?Big Data, Targeting & RTB als negative Auswüchse darzustellen, halte ich für nicht richtig. Hier kommt es genauso darauf an, diese Möglichkeiten als Berater sinnvoll zu nutzen und einzusetzen – doch genau hier liegt nach meiner Einschätzung der Hund begraben: die oftmals üblichen Honorarmodelle sehen nicht vor, die Beratungsleistung zu honorieren, was Agenturen dazu bringt, nach der Minimax-Regel zu handeln – menschlich und wirtschaftlich für mich einwandfrei nachzuvollziehen!?@ Volker Remy: Ich muss das kobaltblaue Joop-Jackett nicht 25-fach an 1 User ausspielen, genauso wenig wie ich meinen TV-Spot in jedem Werbeblock uns meine Anzeige in jeder Zeitschrift und Tageszeitung platzieren muss. Aber was spricht dagegen, User wiederholt anzusprechen, die sich ganz offensichtlich bereits einmal für ein konkretes Produkte interessiert haben? Ist das Prinzip so konträr zu dem von Direct Marketing?Ich wage zu behaupten, dass heute niemand eine ernsthafte und/oder verbindliche Prognose abgeben kann, wie eine Mediaempfehlung 2015 auszusehen hat – ich glaub nämlich nicht an Wahrsagerei. Ich wage allerdings zu behaupten, dass es auch nach Ablauf des Jahres 2018 noch Agenturen geben wird, die für Kunden in Sachen Media beraten, verhandeln und einkaufen – oder wie stellen Sie sich vor, dass Werbungtreibende das Medien-/Media-Management im digitale Zeitalter mit all seinen „unvorstellbaren Veränderungen und ebenso bahnbrechenden Innovationen“ bewerkstelligen?Vor 15 Jahren wäre es vergleichsweise noch ein Einfaches gewesen, einen Media-Experten im eigenen Unternehmen zu beschäftigen und zu finanzieren… ich glaube kaum, dass in 2019 ein facebook-Beauftragter ausreichend sein wird, um ein Unternehmen zum Erfolg zu führen!? Eine „ganzheitlich“ ausgerichtete Agentur mit Experten aus den zahlreichen Fachbereichen der Marktkommunikation, auf die sie je nach Aufgabenstellung zurückgreifen kann oder eben auch nicht, scheint mir hier durchwegs sinnvoll – auch unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt.

  7. @Benno + @kobaltblauesjoopjackett" (…) Aber was spricht dagegen, User wiederholt anzusprechen, die sich ganz offensichtlich bereits einmal für ein konkretes Produkte interessiert haben? Ist das Prinzip so konträr zu dem von Direct Marketing? (…)"Einiges. Ich zitiere dazu gerne aus dem sehr empfehlenswerten Buch von Eli Pariser "Filter Bubble – wie iwr im Internet entmündigt werden", engl., 2011 Pengiun Press, dtsch., 2012 Hanser Verlag:Zitat"Die Meister dieses Verfolgungsverfahrens nennen es "Retargeting" – de User wird quasi nochmals ins Visier genommen. Der Online-Handel musste feststellen, dass 98% der Besucher von Shopping-Sites nur schauen, aber nichts kaufen. Retargeting bedeutet, dass Unternehmen ein "Nein" nicht als engültige Antwort akzeptieren müssen. (…) Was bedeutet das alles? Unser Verhalten ist zur Ware geworden."Zitat EndeIn so fern hinkt der Vergleich mit dem Direct-Mailing gewaltig, wie ich finde. Dagegen kann ich mich auf der Grundlage gesetzlicher Regelungen in Deutschland wehren. Das trifft auf Retargeting nicht zu. Dazu kommt, dass nervige Mailings auf meinen Briefkasten beschränkt sind. Retargeting findet aber in und an meinem Arbeitsplatz statt: meinem Computer.Ein kobaltblaues Jackett, dass mich über Wochen auf allen möglichen von mir besuchten Websites verfolgt, wird mich niemals als Kunden gewinnen. Es entsteht eine Antihaltung, nicht zuletzt auch gegen die Marke selbst. Das ist das Resultat. Es hat was von Nötigung, wie ich finde. GrußVR

  8. @BennoP.S.Es gibt Beispiele, wo bereits ein absichtsloses Mouse-over genügte, um ins Retargeting-Visier geraten. Das bedeutet, man hat noch nicht einmal durch einen Klick Interesse an einem Produkt gezeigt, sondern es nur "gestreift".

  9. Thomas Koch said:

    Danke für die engagierten Kommentare. Ich bitte zu bedenken, dass eine solche Keynote natürlich sehr pointiert sein muss und provozieren soll. Populistisch würde ich sie dennoch nicht nennen…@Benno Die Mediaagenturen haben nie in ihrer Historie 15% bekommen. Zwar von den Medien erhalten, jedoch davon meist nur 1-5% einbehalten und den Rest an die Kunden ausgekehrt.

  10. Sandro Prezzi said:

    Danke Thomas für die pointierten Aussagen – sie treffen sehr gut zu. @Benno – die fetten Jahre waren lange vorbei, wie Thomas richtig bemerkt, hat die GroupM dank den Tradern einen Weg gefunden, die Renditen weiter zu steigern. Wer in einem WPP Unternehmen je leitende Funktionen ausgeübt hat, weiss, dass der Renditen-Zuwachs von Jahr zu Jahr im zweistelligen Prozentbereich zu liegen hat, sonst ist man seinen Job schnell mal los…. Frage: welche "gesättigten" Branchen können heute noch zweistellige PBT Zuwachsraten yoy ausweisen? Tönt doch ganz nach "fetten Jahren" oder? (sonst schaue man sich mal den WPP Geschäftsbericht genauer an).Was mich stark verwundert ist der Umstand, dass in der Mediabranche Mechanismen und Geschäftsgebahren noch ungehindert gelebt werden, welche im Bankengeschäft (z.B. Investment Banking) inzwischen verpönt und umgebaut wurden. Wer den Bock zum Gärtner macht, muss sich über die Ernte nicht wundern…Mich überraschen Kundenaussagen immer wieder – einerseits beklagen sie sich, dass Agenturen mit ihren Werbegeldern Zusatzincomes generieren, geniessen aber die bessere Brutto/Netto Schere, andererseits drücken sie die Honorare gerne noch weiter runter und erhöhen damit den Druck zu kreativen Höchstleistungen in der "verdeckten" Geldbeschaffung. Dabei wäre es eigentlich einfach: "Liebe Kunden, bezahlen sie ihrere Agentur ein anständiges Honorar, welches es erlaubt die besten Mitarbeiter für sie einzusetzen (und ein anständiges Gehalt zu bezahlen) sowie genügend Resourcen finanziert, damit auch die Forschung, die Generierung von Insights und Erarbeitung einer Strategie nicht auf der Strecke bleiben. Natürlich dürfen sie auch Motivatoren in Form eines Bonus einbauen, am Besten qualitativer und quantitativer Natur – aber bitte nicht übertreiben – das Hauptincome (und damit ökonomisches Ziel der Agentur) muss die Beratung/Strategie sein. Zudem müsste auch es der Agentur auch erlaubt sein, Gewinn zu machen. Gewinne ermöglichen eine nachhaltige Entwicklung der Agentur, der Services und damit der Beratungsqualität – welche notabene ihnen geschätzer Kunde wieder zu Gute kommt."

  11. Thomas Koch said:

    Ja, es ist nicht zu fassen: Mediaagenturen machen, was den Banken seit Jahren verboten ist – sie müssen bei jeder Finanzberatung ihre Provisionen offenlegen. Ob wir diese Transparenz im Mediageschäft je erleben werden…?

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