Über Demokratie. Die Beschneidung. Und die Überheblichkeit der Medien.

Unsere Medien quellen über. Es geht um Beschneidung. Um die Beschneidung kleiner Jungen, wie es der Islam seit Jahrhunderten praktiziert. Und um ein Kölner Landgericht, dass dem Islam diese Tradition untersagen will. Ich warte dann jetzt auf das Urteil eines arabischen Gerichts, das dem Christentum die Taufe verbietet. Argument: Köperverletzung. Tatsächlich sind schon mehrere, kleine Christen-Kinder bei der Taufe ertrunken. Man glaubt es kaum. Erst vor zwei Jahren ist wieder ein Kleinkind bei einer Taufe ertrunken: http://www.bz-berlin.de/archiv/sechs-wochen-altes-baby-schluckt-bei-taufe-wasser-und-ertrinkt-article936700.html

Hauptsache, unsere Medien haben einen neuen „Scoop“, mit Hilfe dessen sie „Content“ erzeugen. Ohne Content nämlich keine Werbung.

Anderes Thema: Unsere Medien machen uns derzeit Angst, weil bei den ersten demokratischen Wahlen in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht kamen. Nein, schreiben sie, so funktioniere Demokratie nicht. Jetzt würde ja auch in Ägypten ein Gottesstaat errichtet.

Schlimm ist nicht, wenn Journalisten keine Ahnung haben. Das kann jedem von uns mal passieren. Außer vielleicht dass nicht jede unserer unüberlegten Äußerungen in Millionenauflage gedruckt und versendet werden. Nein, es ist die Überheblichkeit, die falsch am Platz ist. Es ist das unbändige Verlangen danach, sich einzumischen in Angelegenheiten anderer Länder und Kulturen. Es ist die Besserwisserei unserer Journalisten und Politiker, die die Medien verbreiten. Neben den Anzeigen und nach den Werbespots, von denen sie sich in Wirklichkeit ernähren.

Keine Sorge, liebe Medien. Die arabischen Staaten gehen ihren Weg. Sie gehen ihren Weg zur Schaffung demokratischer Staaten. Die Betonung liegt auf: Sie gehen „ihren“ Weg. Sie gehen nicht unseren Weg. Auf den wir im Übrigen nicht dermaßen stolz sein müssen, das wir gleich überheblich werden. Und ja, der Islam wird in den Demokratien des arabischen Frühlings ein fester Bestandteil sein. Sich darüber zu mokieren sollte ein Staat, der Kirchsteuern eintreibt, äußerst vorsichtig sein.

Die pharisäerhafte Empörung über die Beschneidung von Knaben hat zumindest unsere Empörung über die weibliche Beschneidung inzwischen verdrängt. Gottseidank, denn welcher Werbekunde möchte in einem solchen Umfeld werben.

In Ägypten engagiert sich Amani Eltunsi gegen die Unterdrückung der Frauen. Sie hat einen Radiosender gegründet, den ersten arabischen Frauensender überhaupt. Sie versendet wöchentlich fünf Millionen Newsletter und bearbeitet mit ihrer kleinen Schar von Mitarbeiterinnen um die 1.000 Emails am Tag. Und das völlig ohne Hilfe deutscher Medien. Na gut, ihre Arbeit wurde einmal lobend von der taz erwähnt…

Auch Amani Eltunsi braucht nicht unsere Einmischung. Sie macht das sehr gut alleine. Wenn sie unsere Unterstützung braucht, dann sollten wir sie ihr geben. (Dank der BMW-Stiftung ist dies geschehen: http://ufomedia.posterous.com/girls-only-radio-ein-hilferuf-aus-kairo)  

Was wir jedoch an diesem Beispiel anschaulich erkennen, ist dass die Kraft und der Wille zu Reformen in den Ländern des arabischen Frühlings von selbst entstehen. Die Zeit für eine Revolution der islamischen Länder ist gekommen. Jetzt sollte die Weltgemeinschaft ihnen die Zeit geben, „ihren“ Weg zu finden. Und gern unsere Hilfe, wenn sie benötigt wird. Nicht aber unsere Einmischung.

Ein anderes Beispiel: In einem abgelegenen Gebiet eines afrikanischen Landes fehlt einer Schule die Wasserversorgung. Deshalb werden die Kinder in den Schulferien in ihre Dörfer zurückgeschickt. Um zu vermeiden, dass die Mädchen unter dem Druck der Dorfgemeinschaft beschnitten werden, haben die Eltern eine Initiative gegründet, um die Wasserversorgung der Schule zu ermöglichen. Würden die Mädchen auch während der Ferien in der Schule bleiben können, bliebe ihnen die Beschneidung erspart. Die Wasserversorgung wird nun von einer deutschen Frauenorganisation finanziert. Ganz im Stillen, völlig ohne deutsche Medienbegleitung. Solche Beispiele, die von den Medien ignoriert werden, gibt es zuhauf.

Ich bin nicht stolz auf unsere Medien. In Deutschland braucht es eine Klage, ein Urteil und ein Gerichtsbeschluss, um einen Sender wie RTL2 daran zu hindern, Menschen vorzuführen. Eine Protagonistin, der ein psychologisches Gutachten „ weit unterdurchschnittliche, sprachlogische Fähigkeiten“ attestierte, wurde in der Sendung „Frauentausch“ durch Nachbearbeitung der Szenen der Lächerlichkeit preisgegeben und öffentlich verspottet. http://www.sueddeutsche.de/medien/inszenierte-dramatik-bei-doku-soaps-schlag-gegen-die-mediale-hinrichtung-1.1437411 Dagegen haben die Werbekunden, die in solchen Sendungen werben, offenbar nichts einzuwenden.

Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun? Vermische ich hier nicht zwei völlig verschiedene Dinge? Wo ist die Verbindung von überheblichen Medien und Medien, die sich über hilflose Menschen erheben? Und was haben die Werbekunden damit zu tun?

Ich finde unsere Medien überheblich. Entschieden zu überheblich. Medien haben eine Aufgabe und Funktion. Sie erzeugen journalistische oder unterhaltsame Umfelder, die für Werbekunden attraktiv sein müssen. Denn sie leben von der Werbung. Printmedien überwiegend, private TV-Sender komplett.

Was ich sagen will? Journalisten und Medien sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein und sich etwas mehr Zurückhaltung auferlegen, bevor sie ganzen Religionen und autonomen Staaten Vorschriften machen. Und Werbekunden sollten sich ernsthaft Gedanken darüber machen, in welchem medialen Umfeld und gegenüber welcher Art Zielgruppe sie ihre Marken präsentieren. Dann wäre unsere Welt wieder ein Stückchen besser geworden.

Warum ich die Mediaplaner und Mediaeinkäufer diesmal nicht in meinen Aufruf einschließe, die die Werbung schließlich platzieren? Das wäre müßig. Sie würden es ohnehin nicht verstehen. Diesmal ist hier auf Seiten der Werbung eindeutig das Handeln der Werbungtreibenden gefragt.

 

 

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7 comments
  1. holger.grossmann said:

    Herzlichen Dank für Ihre mail. Ich bin bis zum 17.08.2012 (einschließlich) nicht im Haus. In dringenden Fällen steht Ihnen Herr Andreas Grimm gerne zur Verfügung (andreas.grimm@acn-rheinland.de – 0211/505-1553). ACHTUNG: Ihre mail wird nicht weitergeleitet. <br/> <br/>Mit besten Grüßen Holger Grossmann <br/>Key Account Manager <br/> holger.grossmann@acn-rheinland.de Tel. 02 11 / 505-28 53 – Fax 02 11 / 505-1449 <br/>ACN Anzeigen-Cooperation Nordrhein oHG <br/>40196 Düsseldorf <br/>Geschäftsführende Verlage: <br/>M. DuMont Schauberg, Köln, Rheinische Post Verlags-GmbH, Düsseldorf. <br/>Sitz Düsseldorf; Amtsgericht Düsseldorf HRA 14538 <br/>www.acn-rheinland.de ACN – Metropolregion Rheinland

  2. Danke, Thomas, für diesen Beitrag, den ich jetzt mal nach Kräften empfehle!

  3. Christoph Kappes said:

    "Medien haben eine Aufgabe und Funktion. Sie erzeugen journalistische oder unterhaltsame Umfelder, die für Werbekunden attraktiv sein müssen." – ist das ein Versuch, die Aufgabe der Medien zu beschreiben?Wer legt denn "die Aufgabe" fest? Und welche Aufgabe haben Medien, die nicht oder nicht so sehr werbefinanziert sind?Ich finde, das könntest Du noch ein bisschen erläutern.Aus meiner Sicht ist das nämlich nicht so. Medien haben keine "Aufgabe", weil es keinen gibt, der ihnen eine zuweisen kann, sie tun das selbst. Wie jeder andere Akteur auch, der seine Meinung äussert. "Aufgaben" haben nur Institutionen, die formell verfasst sind, also zB ein Parlament. Medien, wie Du sie hier adressierst, sind Privatunternehmen, die haben "Ziele", und dies sind unternehmerische Ziele, gerichtet auf Gewinn (und Selbsterhalt der Organisation, um weiterhin Gewinne zu erzeugen, neudeutsch "Nachhaltigkeit"). Wir müssten also die Diskussion daran ausrichten, welche Phänome durch die Tatsache hervorgerufen werden, dass viele Medien diesen (marktwirtschaftlichen) Gesetzen unterworfen sind. (Ich sage das ungern, weil ich sicher kein Antikapitalist bin, aber die Ursache ist doch sicherlich in diesen Gesetzen zu suchen?). Und ein blosse Aufforderung an Werbekunden wird auch nicht fruchten, weil auch diese nicht politisch oder moralisch operieren, sondern wirtschaftlich. Unternehmensethik ist ein prima Thema (das will ich gar nicht bestreiten), aber wenn Du etwas ändern willst, dann musst Du da wohl strukturell heran, vom öffentlich-rechtlichen System bis zur Journalismusförderung. Im übrigen ist diese "Überheblichkeit" auch meine Beobachtung, ich wage aber die Prognose, dass sich das überlebt. Die Leser wollen "Leit"-Medien, aber sie merken durch neue Öffentlichkeiten (zB durch Experten online und künftig auch "ÜberheblichkeitsWatch" und ähnliches) schon, dass ihnen eine Sicherheit suggeriert wird, die selten da ist. Die Welt ist shyce-komplex geworden, das ist die Ursache für die Nachfrage nach den grossen Erzählern.So, woher nimmst Du die "Aufgabe" der Medien?

  4. Thomas Koch said:

    @Christoph Kappes Danke für den ausführlichen Kommentar! Medien haben zunächst einmal wohl eine Aufgabe. Nennen wir sie die "vierte Gewalt". Journalisten haben damit Macht und Einfluss, mit dem sie verantwortlich umzugehen haben. Sie tragen eine enorme Verantwortung. Wir müssen von ihnen mehr erwarten dürfen als von einem Bahnschaffner. Viele werden mir zustimmen, dass sie mit dieser Verantwortung immer leichtfertiger umgehen.Zweitens gibt sich jedes Medium selbst eine Aufgabe. Das ist wahr. (Die hätte ich übrigens gern mal schriftlich – im Impressum – gesehen.) Denn die Hauptaufgabe der meisten Medien besteht schlichtweg darin, als Werbeträger Geld zu verdienen. Das können viele zugegebenerweise besser als ihrer journalistischen Aufgabe nachzukommen. Und darin liegt das Dilemma. Das erzeugt billigen Journalismus. Das erzeugt verantwortungslosen Journalismus. Journalismusförderung betreibe ich übrigens. Im Irak, in Libyen, Ägypten, demnächst auch in Tunesien, Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Das macht mehr Freude. Vielleicht wünsche ich mir einfach, dass auch mehr (deutsche) Medien wieder ihre "Aufgabe" begreifen…

  5. hallo thomas,erstmal großes kompliment für dein blog. ich bin seid geraumer zeit ein beständiger und bisher auch ruhiger mitleser. aber heut muss ich mich doch mal äußern. denn deine medien-schelte ist mir enorm suspekt. ich weiß nicht genau wie du darauf kommst, dass "medien" diese "vierte gewalt" im staat sind. denn warum sind taschenbücher, schallplatten und dvd´s die vierte gewalt? mir ist bewusst, dass ich hier eine absurde übertreibung vornehme, aber wir sind uns sicherlich einig, dass "die medien" ein hohler allgemeinplatz sind, den jeder irgendwie anders definiert.denn wenn ich deinen artikel richtig verstehe, geht es dir überhaupt nicht um die übermittlungshilfen von inhalten, sondern um die erschaffer der übermittelten inhalte. du klagst doch eher journalisten und redakteure an und möchtest ihnen eine moralische funktion unterstellen. aber auch hier bin ich mir nicht sicher, denn je mehr ich mir die ganze medienlandschaft betrachte um so mehr muss ich feststellen, dass alles was produziert wird einzig und allein dazu da ist, leute mit den möglichkeiten des jeweiligen mediums zu unterhalten.ich glaube der grundlegende fehler den wir häufig machen ist, dass romantische bildungsbürger den medien einen informationsauftrag zuschreiben möchten, den sie gar nicht haben. wenn es überhaupt einen auftrag für journalisten gibt, dann ist der mich sicherheit nicht zu informieren, sondern eher informationen in einen kontext zu setzen. um dein beispiel aufzugreifen. erzählt mir nicht, dass in afrika frauen beschnitten werden. das hab ich schon häufiger gehört und langweilt micht. erzählt mir lieber warum das gemacht wird, wie die einstellung im jeweiligen volk dazu ist und warum diese einstellung vorherrscht. seid keine moralischen zeigefinger die mir erklären wollen, dass es schlecht ist frauen zu beschneiden, sondern setzt diese tradition in das verhältnis zu mir bekannten traditionen. dann kann ich mir selbst ein urteil dazu bilden. allerdings muss diesen journalisten auch klar sein, dass solche inhalte nur verdammt wenig menschen interessieren werden. (mich übrigens eingeschlossen). und natürlich sollte denen auch klar sein, dass sie damit nicht viel geld und maximal ruhm aus dem journalistischen elfenbeinturm abstauben können. und wollen das journalisten wirklich?aber noch mal zurück zu den medien. denn diese haben keine aufgabe, außer eine verbindung zwischen sender und empfänger herzustellen. deine anklage müsste sich somit eigentlich gegen journalisten richten, oder (und das wäre der schwerste part) gegen deine eigene erwartungshaltung an den journalismus bzw. an die medienkanäle die du konsumierst.ich hoff ich hab dich jetzt nicht gelangweilt, aber das musste irgendwie raus.mit charmantem grußeder marKo

  6. Thomas Koch said:

    Die Sache mit den Medien und der "vierten Gewalt" stammt nicht von mir. Das ist eher öffentlicher Konsens. Ja, ich meine weniger die Medien als deren Journalisten. Wenn sie einen Auftrag in dem sehen, was sie machen – Information, Unterhaltung – dann apelliere ich an ihre Verantwortung. Und danke fürs nicht langweilen… 😉

  7. Maciej said:

    Die Debatten werden tatsächlich zu oft um ihrer selbst willen geführt aber dennoch haben sie meist ernste Kerne, die durchaus diskurswürdig wären. Das sie verwässert werden zwingt einen nur nach besseren Quellen zu suchen.

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