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Monthly Archives: August 2012

„Erleben Sie die berühmte Gastfreundschaft unseres Landes. Stressfrei und einfach – so soll der gesamte Ablauf für Sie sein.“ So steht es auf der Website der Etihad, National Airline of the UAE. Es sei denn, ein nicht ausgestelltes Visum macht die Reise nach Abu Dhabi zum Höllenritt. Wenn dann noch der vielgerühmte Service von Air Berlin („Your Airline“) hinzu kommt, wird daraus endgültig eine Katastrophe. Aber beginnen wir von vorn…

Zehn Tage Urlaub in den Vereinigten Emiraten sollten es werden. Ein Traumurlaub in einem der berühmtesten und luxuriösesten Hotels der Welt – dem Emirates Palace in Abu Dhabi, Drehort des Films „Sex and the City“. Eigentlich sollte uns Etihad, die noch junge, aber in höchsten Tönen gelobte UAE-Airline, dorthin fliegen. Wir entschieden uns wegen eines Geschäftstermins dann aber für eine andere Flugzeit, die der Etihad-Kooperations-Partner Air Berlin anbot.

Die Emirate und Reisen in die arabische Welt sind mir nicht fremd. Bereits viermal war ich in Dubai, im vergangenen Jahr in Tansania, und zuletzt im Auftrag von Plural auch in für Urlauber eher untypischen Ländern wie Irak und Libyen. Daher wusste ich wohl, dass die Visa-Bedingungen in solchen Ländern bisweilen kompliziert und langatmig sind. Ein Blick auf die Etihad-Homepage verriet jedoch, dass Staatsbürger mit kanadischem Pass (ich) ein Visum benötigen, das von der Einwanderungsbehörde am Einreiseflughafen ausgestellt wird.

Also machten wir uns am Samstagabend des 25. August auf den Weg. Am Düsseldorfer Flughafen legte ich bei Air Berlin meinen kanadischen Pass vor, ohne dass man auf eine etwaige Visum-Pflicht hinwies oder überhaupt nachsah, ob ich ein Visum beantragt hatte. Hierzu sind die Mitarbeiter der Fluggesellschaften schon deshalb angewiesen, weil ihre Airline die Kosten für den etwaigen Rückflug zu tragen hat.

Als erste Fehlentscheidung erwies sich der Einstieg in den Airbus von Air Berlin. Was Fluggesellschaften unter „Beinfreiheit“ verstehen, ist für Air Berlin ein Fremdwort. Unsere Knie schlugen gleich am Vordersitz an und unsere Vorfreude auf den sechsstündigen Flug sank ins Bodenlose. Ich beschloss im Stillen, dass dies mein endgültig letzter Flug mit „Your Airline“ sein würde. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der nächste Air Berlin-Flug schon sehr bald bevorstand…

In dieser schmerzhaften Sitzhaltung war mehr als eine Stunde Schlaf nicht möglich. Einigermaßen übermüdet stiegen wir Sonntagmorgen um 5:30 Uhr Ortszeit in Abu Dhabi aus. Der Beamte an der Immigration blätterte durch meinen Pass und wies mich darauf hin, dass ich ein Einreise-Visum bräuchte. Kein Problem, antwortete ich, man möge mir eins ausstellen. Überrascht erfuhr ich, dass dies nicht möglich sei. Ob ich nicht von der Reiseagentur und der Fluggesellschaft darauf hingewiesen worden sei, dass sich die Bestimmungen geändert hätten? (Und zwar, wegen eines kindlichen Streits um Landerechte, nur für Kanadier.) Nein, war ich nicht. Und die Angaben auf der Etihad-Website waren offensichtlich nicht aktualisiert worden.

Er bat uns, uns zu einem Transfer Desk zu begeben. (Den langen Weg hin und zurück zwischen diversen Transfer Desks in unterschiedlichen Terminals sollten wir in den nächsten 27 Stunden mehr als ein Dutzend Mal zurücklegen. Aber ich greife vor…) Am Transfer Desk erklärte man uns, dass wir binnen 24 Stunden das Land zu verlassen hätten. Wir möchten uns um einen Rückflug kümmern.

Mein erster Anruf galt der Reiseagentur unseres Veranstalters vor Ort. Die Leute von „Desert Adventures“ in Dubai würden uns sicherlich aus dieser misslichen Lage befreien können. Zu meiner größten Überraschung wussten sie nicht einmal von unserer Ankunft und nicht am Flughafen, um uns abzuholen. Es hieß, der Veranstalter hätte den Transfer storniert – und wir müssten uns an Air Berlin halten.

Da Air Berlin keine Mitarbeiter am Flughafen Abu Dhabi beschäftigt, galt mein zweiter Anruf der Hotline auf meiner „Top Bonus“-Karte. Der Air Berlin-Mitarbeiter am Telefon war außerstande zu helfen und erklärte, Air Berlin habe keinen Zugriff auf die Ticketdaten und wir sollten uns an unser Reisebüro wenden. Mir bliebe außerdem keine Wahl, als zwei Rückflug-Tickets vor Ort zu kaufen – zum stattlichen Preis von €1.200 pro Person. Ich war so sprachlos, dass ich völlig vergaß, den Mann zusammenzufalten. Aber man soll ja die Contenance bewahren…

Zurück zum Transfer Desk. Sie hatten die Rückflüge inzwischen geprüft und festgestellt, dass alle Maschinen überbucht waren. Es gäbe höchstens die Möglichkeit, mir ein 3-Tages-Visum auszustellen – die Prüfung würde jedoch 6-8 Stunden erfordern. Das klang zumindest nach einer Alternative. Die Prüfung dauerte indes nur eine Stunde, nach der man uns mitteilte, dass 3-Tages-Visa nur ausgestellt werden könnten, wenn wir in ein Drittland weiterreisen. Also nicht.

Uns wurde klar, dass eine Lösung in weite Ferne gerückt war und beschlossen, ein Zimmer im „Transfer Hotel“ des Flughafens zu nehmen, um die Nacht nicht auf dem Fussboden des Terminals verbringen zu müssen. Das Zimmer zu €200 erwies sich als Verlies ohne Fenster. Unweigerlich kam uns der Gedanke an „U-Haft wegen Verdunklungsgefahr“. Ebenso gut hätte man uns auch in eine Zelle sperren können. Es ging nur noch darum, eine Dusche und ein Bett für die Nacht zu haben.

Da Air Berlin weiterhin jede Hilfe verweigerte und das Reisebüro sonntags nicht besetzt war, rief ich direkt beim Reiseveranstalter in Deutschland an. Und zwar sechsmal, da der Mensch von „Schauinsland Reisen“ jedes Mal versprach zurückzurufen, dies aber kein einziges Mal tat. Am Ende hinterließ er Etihad eine Telefonnummer der Air Berlin-Leitstelle und versprach einen Rückruf der Agentur Desert Adventure, der ebenso ausblieb.

Inzwischen hatte das Personal am Transfer Desk gewechselt (was in den folgenden Stunden mehrfach geschah), und wir begannen wieder von vorne. Nach weiteren Stunden erfuhren wir, dass seitens Air Berlin die 13stellige Buchungsnummer fehlte, ohne die Etihad kein Rückflugticket ausstellen könne. Die Buchung sei zwar im System ersichtlich, das benötigte Ticket jedoch von Air Berlin nicht ausgestellt.

Es folgte eine stundenlange Odyssee zwischen diversen Transfer Desks in verschiedenen Flughafen-Terminals, verbunden mit einer Zunahme an Etihad-Mitarbeitern, die versprachen, ihr Bestes zu geben. Wir konnten uns vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. Denn wir blickten mittlerweile auf zermürbende 38 Stunden zurück, in denen wir nur eine Stunde geschlafen hatten. (Danke, Christiane, dass du so tapfer warst.)

Ich versuchte es selbst noch einmal telefonisch bei der Air Berlin-Leitstelle („Woher haben Sie denn diese Nummer?“) und erklärte einer Dame die Situation. Ich bettelte förmlich darum, sie möge Etihad bestätigen, dass die Tickets ausgestellt würden. Für diese Bestätigung brauchte Air Berlin dann weitere drei Stunden.

Es dauerte bis Sonntag, 23 Uhr, bis uns der Etihad Transfer Desk-Manager zwei Boarding Passes für den nächsten Morgen überreichte. Und, umgeben von zahlreichen Mitarbeitern, erzählte er uns eine schier unglaubliche Geschichte: Sie (Etihad) seien nie das Problem gewesen, sondern Air Berlin. Air Berlin verlange, dass wir unsere Pässe abgeben und „deported“ werden. Unsere Pässe bekämen wir erst nach Ankunft in Deutschland zurück. (Dass ein deutsches Unternehmen das Wort „deportieren“ noch einmal in den Mund nimmt, hätte ich im Leben nicht für möglich gehalten…)

Nun war ich ernsthaft entrüstet. Aber, Adrenalin sei Dank, keinesfalls sprachlos. In über 40 Jahren Reisen in die ganze Welt hatte ich noch nie meinen Pass abgeben müssen. Und ich würde es ganz bestimmt nicht auf Geheiß von Air Berlin tun. (Ich hoffe, Herr Mehdorn, Sie wissen, welches verächtliche Gebaren Ihre Mitarbeiter an den Tag legen – oder zumindest, dass Sie es auf diese Weise aus der Presse erfahren.)

Dem Etihad-Manager war die Sache selbst peinlich und er begnügte sich damit, Kopien unserer Pässe anzufertigen. Der Mann war sichtlich froh, dass diese Episode beendet war. Und wir, dass wir endlich unser fensterloses Hotel-Verlies aufsuchen konnten…

Was nun aus unserem Urlaubs-Paradies im Golf wird? Wahrscheinlich sieht uns Abu Dhabi nie wieder. Es gibt 193 Staaten auf dieser schönen Erde – und auf die „Gastfreundschaft“ von Abu Dhabi kann man getrost verzichten. Das ganze Ausmaß des Debakels wird einem allerdings erst klar, wenn man sich zuhause sortiert hat. Fehler haben alle zu verantworten: Das Reisebüro, der Reiseveranstalter, seine Agentur und natürlich auch die Fluggesellschaft. Diese Fehler werden sie verantworten müssen.

Wer uns definitiv nicht wiedersieht, ist Air Berlin. Mich verbinden schon genügend unerfreuliche Erlebnisse und ein befremdlicher Mangel an Servicebereitschaft mit dieser Fluggesellschaft. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, dass „Your Airline“ einen schon nicht als Kunden behandelt. Aber – bei allen Einschränkungen – sollte man gegen Zahlung von Bargeld wenigstens als menschliches Wesen behandelt werden.

Ich werde nie wieder in meinem Leben eine Maschine der Air Berlin besteigen.

 

 

 

 

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Man glaubt es ja nicht. Da werben wir seit sage und schreibe 160 Jahren… Unzählige Kommunikationswissenschaftler forschen seit 100 Jahren… Und was wissen wir über die Wirkung von Werbung: Nichts.

Na ja, fast nichts. Auf jeden Fall zu wenig. Werbende Unternehmen jeder Größe beklagen, dass die Agenturen ihnen nicht erklären können, wie Werbung funktioniert, wie sie wirkt – und vor allem – was sie bringt. Wenn Unternehmen im Range von Audi und Nestlé uvam das seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen, muss am Vorwurf etwas dran sein.

Gründe hat das viele. Marketing und Werbung sind nun einmal keine Wissenschaften. Im Labor ist es leider nicht möglich, Marketing-Experimente und Versuchsanordnungen wissenschaftlich präzise zu wiederholen. Da ist das Marketing kein Deut besser dran als die Außersinnliche Wahrnehmung. Da ist USP = ESP: Die Unique Selling Proposition ist genau so wenig messbar wie Extra-Sensory Perception.

Gut, der Händler verkauft die beworbene Ware, wenn er sein Angebot via Zeitungsbeilage unters Volk gebracht hat. Der Käsehersteller verkauft etwas mehr Käse, wenn er einen TV-Flight schaltet. Nur ist die Werbung leider teuer – teurer jedenfalls als der Ertrag aus dem Mehrumsatz. Weshalb die Unternehmen nicht nachlassen, den Return On Investment der Reklame zu hinterfragen.

Gut, der Bekanntheitsgrad steigt auch, wenn man wirbt. Soweit ist Werbung messbar. Aber messbar ist nicht, wie es dazu kommt. Was passiert, wenn wir Werbung wahrnehmen bis hin zum alles entscheidenden Augenblick, in dem wir ins Regal greifen, bleibt eine einzige Black Box.

Wir sehen zwar, dass etwas passiert. Aber wir wissen weder was, noch warum. Wenn wir es wüssten, wäre es einfacher für eine Werbeagentur, die „richtige“ Kampagne zu entwickeln. Es wäre einfacher für eine Mediaagentur, den „richtigen“ Mediaplan zu entwickeln. Einfacher für die Designagentur, die „richtige“ Verpackung zu gestalten. Und einfacher für die PR-Agentur, die „richtige“ Botschaft zu platzieren.

Wie kann es nur angehen, dass ein Werbekunde fünf verschiedene Kreativagenturen mit einem identischen Briefing versorgt – und man ihm dann zehn bis fünfzehn völlig verschiedene Kampagnen präsentiert? Wenn ihm keine der Agenturen sagen kann, welche Kampagne die „Richtige“ ist, wie soll er entscheiden? Also befragt er hilflos die Marktforschung (die nächste „Nicht-Wissenschaft“), die ihm natürlich auch keine schlüssige Antwort geben kann. Oder wieso versagen 80% der zuvor aufwändig getesteten Neueinführungen im Supermarkt?

Wir wissen ja nicht einmal, wie viele Werbe-Kampagnen versagen. Wären es ebenfalls 80% (was nach dem Pareto-Prinzip nahe liegt), brächte das die ganze Werbeindustrie an den Rand des Ruins.

Oder wie kann es sein, dass ein Werbekunde fünf verschiedene Mediaagenturen mit einem identischen Briefing versorgt – und man ihm dann fünf völlig verschiedene Mediaempfehlungen präsentiert? Und die Variationen reichen von „Konzentrieren Sie alles auf ein Medium!“ bis „Nur ein umfangreicher Media-Mix kann die Ziele erreichen!“ Wie soll er da entscheiden? Wie soll er wissen, welcher Weg der „Richtige“ ist? Wenn es offenbar nicht einmal die „Fachleute“ wissen…

Vermutlich sind auch 80% aller Mediapläne die reinsten Versager-Pläne. Wahrscheinlich sogar mehr, seitdem Einkaufskonditionen und Agentur-Kickbacks die Mediaplanung steuern. Und die Werbekunden offenbar kein Gegenmittel zur Bekämpfung dieser Plage finden. Oder aus nicht nachvollziehbaren Gründen erst gar keins suchen…

Wäre ich Kunde, ich würde durchdrehen. Und wäre fest davon überzeugt, dass diese selbsternannten „Werbeprofis“ in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer davon haben, was sie da machen. Zumal kaum einer der Protagonisten bereit ist, auch nur die geringste Prognose abzugeben, wie erfolgreich meine teure Kampagne werden wird.

Ist also die ganze Reklame nichts als Taschenspielerei? Humbug? Kann man da nicht besser gleich zur Kartenlegerin gehen? Wozu die ganze Kommunikations-„Wissenschaft“? Wozu Marktforschung? Wozu die ganze teure Mediaforschung?

Wie kommt es, dass diese Vorwürfe uns Werber so kalt lassen? Sind wir inzwischen dermaßen selbstverliebt, dass es uns in unserem kreativen Elfenbeinturm nicht einmal stört, wenn die Werbekunden Sturm laufen? Wenn sie wiederholt und lautstark einen Nachweis dafür verlangen, dass (und wie) die drittteuerste Investition ihres Unternehmens funktioniert.

Die Antwort ist simpel. Wir wollen es überhaupt nicht erklären können. Es ist doch viel angenehmer, die Kunden glauben zu lassen, dass Werbung Kunst sei. Und Media eine nur scheinbar Zahlen-orientierte Ausgestaltung dieser Kunst. Denn solange die Kunden sich an der Nase herumführen lassen, lebt es sich ganz gut mit den üppigen Honoraren.

Das Gegenteil ist wahr. Natürlich lässt sich in Erfahrung bringen, ob eine Kampagne ihr Ziel erreicht hat und welchen Return sie einfährt. In meiner Mediapraxis sind mir unzählige Kampagnen untergekommen, bei denen wir sehr konkret ermitteln konnten, dass alleine die vorgenommenen Veränderungen am Media-Auftritt den Kampagnenerfolg verursachten. Und in jedem dieser Fälle ließ sich der „Erfolg“ in Heller und Pfennig ermitteln. Müßig zu erwähnen, dass der Ertrag stets höher ausfiel als das investierte Werbegeld…

Dumm ist nur – und das muss ich ehrlicherweise zugeben – keine einzige dieser erfolgreichen Mediakampagnen ließ sich duplizieren oder wiederholen. Werbung findet tatsächlich nicht im Labor statt. Sondern in den Köpfen und Herzen von „echten“ Zielgruppen-Menschen aus Fleisch und Blut.

Doch die Mechanik, die Kampagnen erfolgreich macht – die lernt man dabei. Und sie ist – wie immer im Leben – erstaunlich simpel. Hier sind die sieben Geheimnisse erfolgreicher Mediaplanung:

1. Versetze dich in deine Zielgruppe.

2. Ändere etwas.

3. Mach es völlig anders als die Wettbewerber deines Kunden.

4. Überrasche deine Zielgruppe.

5. Nutze Situationen: Sie sind wichtiger als die Medien selbst.

6. Nimm noch ein Medium dazu.

7. Vergiss Rabatte und TKPs – sie erzeugen nämlich keine Wirkung.

Werbeerfolg ist machbar. Sogar messbar machbar. Allerdings würde sich – wenn sich dieses Geheimwissen herumspricht – in unserer verwöhnten Branche Spreu von Weizen trennen. Bei den Kreativagenturen ebenso wie bei den Mediaagenturen. Daran sind jedoch derzeit noch nicht alle Marktteilnehmer interessiert.

Solange, werte Kunden, wird es eine 80%ige Kampagnen-Floprate geben. Und ebenso viele langweilige und „schiefe“ Mediapläne.

Ok, Kunden. Jetzt seid ihr an der Reihe. Es ist schließlich euer Geld…

 

 

 

Unsere Medien quellen über. Es geht um Beschneidung. Um die Beschneidung kleiner Jungen, wie es der Islam seit Jahrhunderten praktiziert. Und um ein Kölner Landgericht, dass dem Islam diese Tradition untersagen will. Ich warte dann jetzt auf das Urteil eines arabischen Gerichts, das dem Christentum die Taufe verbietet. Argument: Köperverletzung. Tatsächlich sind schon mehrere, kleine Christen-Kinder bei der Taufe ertrunken. Man glaubt es kaum. Erst vor zwei Jahren ist wieder ein Kleinkind bei einer Taufe ertrunken: http://www.bz-berlin.de/archiv/sechs-wochen-altes-baby-schluckt-bei-taufe-wasser-und-ertrinkt-article936700.html

Hauptsache, unsere Medien haben einen neuen „Scoop“, mit Hilfe dessen sie „Content“ erzeugen. Ohne Content nämlich keine Werbung.

Anderes Thema: Unsere Medien machen uns derzeit Angst, weil bei den ersten demokratischen Wahlen in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht kamen. Nein, schreiben sie, so funktioniere Demokratie nicht. Jetzt würde ja auch in Ägypten ein Gottesstaat errichtet.

Schlimm ist nicht, wenn Journalisten keine Ahnung haben. Das kann jedem von uns mal passieren. Außer vielleicht dass nicht jede unserer unüberlegten Äußerungen in Millionenauflage gedruckt und versendet werden. Nein, es ist die Überheblichkeit, die falsch am Platz ist. Es ist das unbändige Verlangen danach, sich einzumischen in Angelegenheiten anderer Länder und Kulturen. Es ist die Besserwisserei unserer Journalisten und Politiker, die die Medien verbreiten. Neben den Anzeigen und nach den Werbespots, von denen sie sich in Wirklichkeit ernähren.

Keine Sorge, liebe Medien. Die arabischen Staaten gehen ihren Weg. Sie gehen ihren Weg zur Schaffung demokratischer Staaten. Die Betonung liegt auf: Sie gehen „ihren“ Weg. Sie gehen nicht unseren Weg. Auf den wir im Übrigen nicht dermaßen stolz sein müssen, das wir gleich überheblich werden. Und ja, der Islam wird in den Demokratien des arabischen Frühlings ein fester Bestandteil sein. Sich darüber zu mokieren sollte ein Staat, der Kirchsteuern eintreibt, äußerst vorsichtig sein.

Die pharisäerhafte Empörung über die Beschneidung von Knaben hat zumindest unsere Empörung über die weibliche Beschneidung inzwischen verdrängt. Gottseidank, denn welcher Werbekunde möchte in einem solchen Umfeld werben.

In Ägypten engagiert sich Amani Eltunsi gegen die Unterdrückung der Frauen. Sie hat einen Radiosender gegründet, den ersten arabischen Frauensender überhaupt. Sie versendet wöchentlich fünf Millionen Newsletter und bearbeitet mit ihrer kleinen Schar von Mitarbeiterinnen um die 1.000 Emails am Tag. Und das völlig ohne Hilfe deutscher Medien. Na gut, ihre Arbeit wurde einmal lobend von der taz erwähnt…

Auch Amani Eltunsi braucht nicht unsere Einmischung. Sie macht das sehr gut alleine. Wenn sie unsere Unterstützung braucht, dann sollten wir sie ihr geben. (Dank der BMW-Stiftung ist dies geschehen: http://ufomedia.posterous.com/girls-only-radio-ein-hilferuf-aus-kairo)  

Was wir jedoch an diesem Beispiel anschaulich erkennen, ist dass die Kraft und der Wille zu Reformen in den Ländern des arabischen Frühlings von selbst entstehen. Die Zeit für eine Revolution der islamischen Länder ist gekommen. Jetzt sollte die Weltgemeinschaft ihnen die Zeit geben, „ihren“ Weg zu finden. Und gern unsere Hilfe, wenn sie benötigt wird. Nicht aber unsere Einmischung.

Ein anderes Beispiel: In einem abgelegenen Gebiet eines afrikanischen Landes fehlt einer Schule die Wasserversorgung. Deshalb werden die Kinder in den Schulferien in ihre Dörfer zurückgeschickt. Um zu vermeiden, dass die Mädchen unter dem Druck der Dorfgemeinschaft beschnitten werden, haben die Eltern eine Initiative gegründet, um die Wasserversorgung der Schule zu ermöglichen. Würden die Mädchen auch während der Ferien in der Schule bleiben können, bliebe ihnen die Beschneidung erspart. Die Wasserversorgung wird nun von einer deutschen Frauenorganisation finanziert. Ganz im Stillen, völlig ohne deutsche Medienbegleitung. Solche Beispiele, die von den Medien ignoriert werden, gibt es zuhauf.

Ich bin nicht stolz auf unsere Medien. In Deutschland braucht es eine Klage, ein Urteil und ein Gerichtsbeschluss, um einen Sender wie RTL2 daran zu hindern, Menschen vorzuführen. Eine Protagonistin, der ein psychologisches Gutachten „ weit unterdurchschnittliche, sprachlogische Fähigkeiten“ attestierte, wurde in der Sendung „Frauentausch“ durch Nachbearbeitung der Szenen der Lächerlichkeit preisgegeben und öffentlich verspottet. http://www.sueddeutsche.de/medien/inszenierte-dramatik-bei-doku-soaps-schlag-gegen-die-mediale-hinrichtung-1.1437411 Dagegen haben die Werbekunden, die in solchen Sendungen werben, offenbar nichts einzuwenden.

Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun? Vermische ich hier nicht zwei völlig verschiedene Dinge? Wo ist die Verbindung von überheblichen Medien und Medien, die sich über hilflose Menschen erheben? Und was haben die Werbekunden damit zu tun?

Ich finde unsere Medien überheblich. Entschieden zu überheblich. Medien haben eine Aufgabe und Funktion. Sie erzeugen journalistische oder unterhaltsame Umfelder, die für Werbekunden attraktiv sein müssen. Denn sie leben von der Werbung. Printmedien überwiegend, private TV-Sender komplett.

Was ich sagen will? Journalisten und Medien sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein und sich etwas mehr Zurückhaltung auferlegen, bevor sie ganzen Religionen und autonomen Staaten Vorschriften machen. Und Werbekunden sollten sich ernsthaft Gedanken darüber machen, in welchem medialen Umfeld und gegenüber welcher Art Zielgruppe sie ihre Marken präsentieren. Dann wäre unsere Welt wieder ein Stückchen besser geworden.

Warum ich die Mediaplaner und Mediaeinkäufer diesmal nicht in meinen Aufruf einschließe, die die Werbung schließlich platzieren? Das wäre müßig. Sie würden es ohnehin nicht verstehen. Diesmal ist hier auf Seiten der Werbung eindeutig das Handeln der Werbungtreibenden gefragt.