Wer möchte mein Leitmedium sein?

Wer ist eigentlich aktuell das Leitmedium? Wer möchte es werden? Wer möchte es bleiben? Und was hat man eigentlich davon, ein Leitmedium zu sein?

„Das Fernsehen bleibt Leitmedium“ zitiert 2009 FocusOnline den Ex-ARD-Vorsitzenden Fritz Raff. Weil es täglich fast alle erreicht.

„Fernsehen bleibt Leitmedium“ meint auch HeiseOnline im September 2010 und kommentiert die Nutzungsdauer der Medien lt. ARD-/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“.

„Das Internet ist zum Leitmedium der modernen Informations-  und Wissensgesellschaft geworden.“ Das sagte der damalige Bundesminister zu Guttenberg im April 2009. Weil es, wie er meinte, von zwei Dritteln der Bevölkerung und fast allen Unternehmen genutzt wird.

Angela Merkel sagte dagegen im September 2011 vor den Zeitungsverlegern: „Printmedien bleiben das politische Leitmedium.“

Noch 2010 fragte das Hans-Bredow-Institut kritisch, ob „das Internet die Funktionen von Presse und Rundfunk beeinflusst oder substituiert und künftig die Funktion eines Leitmediums übernehmen kann.“

Im FAZ-Blog „Netzökonom“ titelt Holger Schmidt im Dezember 2008 „Das Internet wird zum Leitmedium“, meint damit das Wachstum der Internetnutzung – und fast zwei Jahre später, im Oktober 2010, „Das Internet auf dem Weg zum Leitmedium“, meint aber diesmal den Anteil an der Medienzeit.

Und zu allem Überfluss stellt im Februar 2010 die NZZ im Extrablog die Frage, ob nicht auch Google und Facebook zu den neuen Leitmedien zählen, wenn sich Leitmedien über Reichweite und Meinungswirkung definieren.

Na großartig… Das ist ja ein feines Durcheinander. Auf jeden Fall kommt man zum Schluss, dass es eine besondere Ehrung sein muss, zum Leitmedium erklärt zu werden. Nobelpreis und Oscar sind nichts dagegen. Was aber ein Leitmedium auszeichnet, ist nicht wirklich klar.

Ein Leitmedium scheint sich über seine Reichweite und Nutzungsintensität zu definieren. Man liest aber auch vom Einfluss und der Dominanz eines Mediums – und beim Medienwissenschaftler Udo Göttlich, dass ihm eine „Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und Öffentlichkeit zukommt“.

Im 19. Jahrhundert war die Zeitung das unangefochtene Leitmedium. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es der Hörfunk. Danach durfte sich das Fernsehen mit diesem elitären Begriff schmücken. Und seit der Jahrtausendwende ist nun das Internet fällig. Was ein wenig danach aussieht, als käme jeder mal dran, wenn er nur etwas Geduld hat…

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn es gibt zu viele verschiedene Definitionen des Begriffs „Leitmedium“. Die Historiker betrachten die zeitliche Abfolge der Bedeutung eines Mediums. Für den Feuilletonisten ist es die Wirkung des Mediums auf Meinung und Gesellschaft. Für den Journalisten womöglich die Häufigkeit von Zitaten und Erwähnungen. Der Werber versteht darunter eher das tragende Medium einer Kampagne. Oder das Medium, das bei Awards den höchsten Wert darstellt…

Während die einen dabei die quantitative Reichweite in den Vordergrund stellt, meinen andere die qualitative Bedeutung eines Mediums. Das kennen wir: Immer dann, wenn sich Qualität und Quantität in die Quere kommen, wird’s diffus.

Betrachten wir es ganz sachlich. Als die Zeitungen Leitmedien waren, gab es praktisch keine Konkurrenz. Das machte es per se einfach, zum Leitmedium aufzusteigen. Doch selbst heute würde man der Zeitung, angesichts ihrer Reichweite und der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung von BILD, FAZ, Zeit & Co., eine gewisse „Leitmedien-Qualität“ nicht ernsthaft absprechen wollen.

Der Hörfunk hat diese Rolle eindeutig verloren. Es ist viele Jahrzehnte her, dass sich die Familie um den Volks-Empfänger drängte. Zwar ist seine Reichweite nicht zu bezweifeln. Doch bis auf wenige Ausnahmen – Deutschlandfunk oder Deutsche Welle – ist es nur noch ein Dudel-Medium, das kaum noch journalistische Leit-Qualitäten besitzt.

Das Fernsehen ist schwerer einzuordnen. Es hat den Führungsanspruch, ein Leitmedium zu sein, etwa 40 Jahre lang offenbar konkurrenzlos innegehabt. Aber eigentlich nur, weil alle Welt immer nur behauptet hat, Fernsehen sei das Leitmedium.

Wenn Reichweite die Voraussetzung für das Erreichen des begehrten Status darstellt, dann dürfen wir dem Fernsehen fraglos eine hohe Penetration bescheinigen. Allerdings „nur“ eine ebenso hohe wie die der Zeitung und des Hörfunks. In punkto Nutzungsdauer lag das Fernsehen jahrzehntelang abgeschlagen hinter dem Hörfunk. Das ist Fakt.

Wenn wir die gesellschaftliche Bedeutung des TV-Mediums in die Waagschale werfen – und dabei die Qualität der meisten Sendungen à la „Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“ und Bohlens „Supertalent“ (also die Sendungen mit den höchsten Quoten) betrachten, dann fehlen wohl alle Voraussetzungen als Medium irgendwas oder irgendwen zu „leiten“. Wenngleich der Einfluss auf das Bild unserer Gesellschaft zwar fraglich, aber feuilletonistisch bemerkenswert ist.

Selbst die Lagerfeuer-Romantik, die wir dem Fernsehen stets attestierten, ist heute in Frage gestellt. Wann sitzt die Familie noch gemeinsam vor dem Flimmerkasten? Und wenn, haben inzwischen Millionen ihr Laptop oder iPad auf dem Schoss und konsumieren das TV-Programm immer mehr wie das Nebenbei-Medium Hörfunk. Das klingt nicht mehr wie Leitmedium.

Dann bliebe tatsächlich nur noch ein möglicher, neue Anwärter auf den Thron des Leitmediums: Das Internet. Inzwischen haben zwei Drittel aller Haushalte einen DSL-Internetzugang. Und offenbar zählt jeder zweite User zu den täglich aktiven Nutzern. Das alleine erzeugt allerdings nicht ganz die Reichweite, die wir von einem Leitmedium erwarten. Und nur, weil es das konvergenteste aller Medien wird, macht auch dieser Umstand das Internet noch lange nicht zum Leitmedium, sondern eher zu einer besonders vielseitigen, technischen Plattform.

Völlig anders stellt sich natürlich die Internetnutzung in der Altersgruppe der 14-29Jährigen dar. Stellt man ihnen die berühmte „Vermissensfrage“, würden 72% das Internet vermissen, jedoch nur 41% das Fernsehen (ARD-/ZDF-Massenkommunikation 2010).

Stellt man allen Erwachsenen diese Frage, bringt es das Internet immerhin schon auf 38%, hinter Fernsehen mit 45% und dem seit 1980 unter den elektronischen Medien führenden Hörfunk (!) mit 52%. Interessant daran ist, dass die Abstände zwischen den Medien immer geringer werden. Wenn also das „Vermissen“ ein Indiz für ein Leitmedium wäre, dann hätten wir es längst mit einem ganzen Bündel an Leitmedien zu tun.

Sah anfangs die Frage nach dem neuen Leitmedium kompliziert aus, bringt uns diese Erkenntnis der Lösung einen gewaltigen Schritt näher: Für unterschiedliche Altersgruppen und Lebensphasen gibt es individuelle und unterschiedlich ausgeprägte Leitmedien. Der augenblickliche Bedarf und (Medien-) Konsumanlass entscheidet, ob ein Medium das Prädikat „Leitmedium“ erhält. Oder kurz darauf wieder verliert, weil sich unser Mediennutzer anderen Dingen zuwendet.

Morgens beim Frühstück ist die Rheinische Post mein Leitmedium für lokale Nachrichten. Kurz darauf das Radio auf dem Weg in die Stadt. Oder Die Welt im Flieger nach Berlin. Das Internet beg-„leitet“ mich durch meinen beruflichen Alltag. Abends sind die ARD-Tagesthemen das Leitmedium, dem ich als Nachrichtquelle mein Vertrauen schenke. Spät abends gilt Twitter meine ganze Aufmerksamkeit. Und am Wochenende habe ich endlich Zeit für mein persönliches Portfolio an „Leit-medialen“ Zeitschriften…

Das Schöne dabei ist: Der Bundestagsabgeordnete (der im Plenum BILD liest), der ungelernte Arbeiter (der sechs Stunden am Tag fernsieht), die Studentin (die noch nie eine Zeitung in der Hand hatte), die Hausfrau (die am liebsten Bunte liest) – jeder von ihnen hat seine individuellen Leitmedien.

Das ist die Antwort: Es gibt schon lange kein einzelnes Leitmedium mehr. Sondern viele. Vor allem gibt es für jeden andere Leitmedien. Und für jeden viele individuell verschiedene. Genau das ist der Luxus unseres Medienzeitalters. Das Fernsehen würde gleich eine Casting-Show daraus machen: „My Personal Leid-Medium“.

Also, liebe Medien, kämpft um den Platz auf meiner Prioritätenliste!

Das Leitmedium ist tot. Es lebe das Leitmedium…

 

 

 

 

 

 

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