Was unsere Printmedien von Libyen lernen können…

Ein ganzes Land liegt in Trümmern. Es herrscht Aufbruchstimmung. Aufbruch in die Freiheit. In die Demokratie. Ein nordafrikanisches Land, in dem 60 Prozent der Bevölkerung nicht älter als 30 ist: Libyen.

Finanziert durch das Auswärtige Amt und im Auftrag des Berliner NGOs „MICT Media in Cooperation and Transition“ besuchen Werner D’Inka, Herausgeber der FAZ, und ich die Metropole Tripoli. Wir führen vier Tage lang Workshops bei einigen der neuen, unabhängigen Printmedien des Landes durch. Die Wochenzeitung Libya Aljadida erscheint seit dem 20. September, die ebenfalls wöchentlich erscheinende Zeitung Arous al Bahar („Die Meeresbraut“) seit dem 31. August. The Libyan Magazine, ein politisches Magazin im Stil von Time Magazine, bereits seit Juni zunächst in Benghazi, nun auch in Tripoli. Wir treffen auf eine absolut jungfräuliche Medienlandschaft.

Bis vor wenigen Monaten existierten in Libyen zwar etwa zehn Zeitungen, die allerdings auf eine einzige, von Gaddafi kontrollierte Redaktion zurückgriffen. Es gab nur einen einzigen, staatlichen TV-Sender. Die klassische Mediensituation in einer Diktatur. Seit einem halben Jahr ist alles anders. Die ersten, privaten TV-Sender stehen in den Startlöchern. Überall sprießen junge, neue Print-Medien hervor. Gegründet von Libyern, die ihre Welt verändern wollen. Kaum einer der Herausgeber und Chefredakteure ist älter als 30.

Man würde erwarten, dass das Internet das Lead-Medium dieser jungen, im Entstehen begriffenen Demokratie ist. Facebook hat ohne Zweifel einen großen Anteil an der Realisierung des arabischen Frühlings. „Facebook“, antwortet denn auch der 29jährige Ibrahim Shebani, Chefredakteur des Libyan Magazine, auf meine Frage, was seine Hauptnachrichtenquelle ist. Warum aber verlegt er dann ein Magazin?

In Deutschland blicken die Zeitungen auf eine über 350jährige Vergangenheit zurück. Die erste Zeitschrift erschien 1689. Heute sehen sie sich einer zunehmenden Konkurrenz durch das Internet ausgeliefert, suchen nach ihrer Identität – und nach einem neuen Platz in der modernen Medienwelt. Endgültig gefunden hat sie noch keiner. Und wir alle, Medienschaffende, Marketing- und Werbeprofis, rätseln darüber, wie wohl unsere Printlandschaft in wenigen Jahren aussehen mag. Vielleicht so wie in Libyen?

Das Faszinierende an der Entwicklung der Printmedien in Libyen ist zweifellos die Tatsache, dass sie mitten ins Online-Zeitalter hinein geboren werden. Statt, wie bei uns, ihren Platz dort mühsam suchen zu müssen. Haben sie dadurch bessere Voraussetzungen? Vor allem aber: Sehen sie die Medienwelt anders als wir?

Die Wochenzeitung Libya Aljadida startete im April als Online-Ausgabe. Als die Druckkapazitäten im September, kurz nach dem Fall von Tripoli am 22. August, wieder hergestellt wurden, ging sie erstmals in Druck. Seither hat man die Website vernachlässigt, um sich ganz auf Print zu konzentrieren. Die Herausgeber überlegen ernsthaft, ob sie die Online-Ausgabe wieder einstellen. Erstaunt fragen die Besucher aus „print country Germany“ nach dem Warum. Die Antwort lautet schlicht: „We must change the culture“…

Bei Arous al Bahar existiert überhaupt keine Online-Ausgabe. Und derzeit hat auch niemand die Absicht, die Printausgabe online zu stellen. Die Antwort lautet auch hier: „We need to change the culture“… Gefolgt von der Erkenntnis, dass Print im Gegensatz zu Online Vertriebserlöse einfährt.

Der junge Verleger des Libyan Magazine erläutert die Mediensituation seines Landes ausführlicher. Das Fernsehen, sagt er, habe nur Einfluss auf die unteren Schichten. Es sei ungeeignet, die Kultur des Landes zu verändern. Und dies gelte auch für das Internet. Er spricht von Bildung, von politischer und demokratischer Bildung, wenn er Kultur meint: „We have to change the culture.“ Man müsse erst lernen, Fragen zu stellen, Dinge zu hinterfragen. Eine nachhaltige Diskussion in Gang zu bringen. Dazu eigne sich, seiner Meinung nach, am besten Print. Das Internet, trotz seiner zahlreichen Blogs, sei zu „fluid“. Er begnügt sich dort mit einem Auftritt bei Facebook und Twitter.

Ich frage ihn, an wen er sich mit Libyan Magazine wendet. Er spreche junge Libyer ab 20 an, sagt er, junge Studenten, die gebildete Schicht bis etwa 35. Und da hält er Print für geeigneter als das Internet? Er scheint Recht zu haben. Von den 6.000 Exemplaren, die er zweiwöchentlich druckt, verkauft er regelmäßig über 5.000. Er wird im Januar die Auflage erhöhen. Und im Juni nächsten Jahres die erste Frauenzeitschrift Libyens herausbringen. Der junge Mann beeindruckt mich. Er redet schneller als manch anderer denkt. Er ist ein Dynamiker par excellence, der in seiner neuen Freiheit nicht zu bremsen ist. Und er glaubt fest an Print…

Noch einmal zurück zur Wochenzeitung Arous al Bahar. Sie zählt längst zu den einflussreichsten und bestgemachten Wochenzeitungen des Landes. Wir fragen, ob ein tägliches Erscheinen geplant sei. Der Chefredakteur schaut seine europäischen Gäste sichtbar erstaunt an. Warum eine Zeitung täglich erscheinen soll? Das Internet versorge die Leser doch mit allen aktuellen Nachrichten. Nein, erläutert er, mit den Internet-Nachrichten wolle und könne er nicht konkurrieren. Er will in seinem Blatt Meinungen, Analysen, Kommentare und Investigationen sehen. Das sei doch wohl der Sinn einer Zeitung. Und nicht Nachrichten zu veröffentlichen, die schon jeder kennt. Außerdem bräuchte man zum Recherchieren guter Hintergrund-Stories nun einmal Zeit. Ich komme mir vor wie ein belehrter Schuljunge…

Wir haben den libyschen Verlegern und ihren Redaktionen in den vier Tagen manches beibringen können. Über Journalismus und Marketing. Sie haben uns überraschend viel zurückgegeben. Wir sind auf Enthusiasmus gestoßen. Gewiss auch auf viel Naivität, die bekanntlich oft zum Erfolg beiträgt. Aber auch auf einige Erkenntnisse, die zwar simpel, aber nur dem Online-Zeitalter entspringen können, wenn man vor Print zuallererst das Internet eingeatmet hat.

Fernsehen hat seinen stärksten Einfluss auf gering gebildete Schichten. Online ist schnelllebig und fluid. Social Media ersetzen höchstens den Leserbrief und erzeugen Dialog. Print ist als Nachrichtenmedium zu schwach. Alleine Print ist jedoch nachhaltig. Print lebt von „Meinung, Analyse, Kommentar und Investigation“.

Das ist weder mir, noch unseren Medienschaffenden hierzulande neu. Wir haben es nur noch nicht umgesetzt. Die jungen, libyschen Printmedien machen es vor. Sie sind gerade dabei, unsere alte Welt zu überholen. Dass sie dabei die besseren Chancen hatten, lasse ich nicht als Ausrede gelten.

„Change the culture“…

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2 comments
  1. Thomas, großartiger Beitrag. Sehe ich genauso. Wir haben einige Themen in Deutschland die wir wieder als neu oder innovativ begreifen sollen. Lediglich geht es bei vielen Themen darum das Verstandene schleunigst in Taten umzusetzen und da liegt die Krux. „Change the culture“…

  2. Thomas Koch said:

    @Dominic "Change the culture…" Da steckt so viel Positives drin. Davon dürfen wir uns ruhig anstecken lassen…

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