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Monthly Archives: January 2012

Ein ganzes Land liegt in Trümmern. Es herrscht Aufbruchstimmung. Aufbruch in die Freiheit. In die Demokratie. Ein nordafrikanisches Land, in dem 60 Prozent der Bevölkerung nicht älter als 30 ist: Libyen.

Finanziert durch das Auswärtige Amt und im Auftrag des Berliner NGOs „MICT Media in Cooperation and Transition“ besuchen Werner D’Inka, Herausgeber der FAZ, und ich die Metropole Tripoli. Wir führen vier Tage lang Workshops bei einigen der neuen, unabhängigen Printmedien des Landes durch. Die Wochenzeitung Libya Aljadida erscheint seit dem 20. September, die ebenfalls wöchentlich erscheinende Zeitung Arous al Bahar („Die Meeresbraut“) seit dem 31. August. The Libyan Magazine, ein politisches Magazin im Stil von Time Magazine, bereits seit Juni zunächst in Benghazi, nun auch in Tripoli. Wir treffen auf eine absolut jungfräuliche Medienlandschaft.

Bis vor wenigen Monaten existierten in Libyen zwar etwa zehn Zeitungen, die allerdings auf eine einzige, von Gaddafi kontrollierte Redaktion zurückgriffen. Es gab nur einen einzigen, staatlichen TV-Sender. Die klassische Mediensituation in einer Diktatur. Seit einem halben Jahr ist alles anders. Die ersten, privaten TV-Sender stehen in den Startlöchern. Überall sprießen junge, neue Print-Medien hervor. Gegründet von Libyern, die ihre Welt verändern wollen. Kaum einer der Herausgeber und Chefredakteure ist älter als 30.

Man würde erwarten, dass das Internet das Lead-Medium dieser jungen, im Entstehen begriffenen Demokratie ist. Facebook hat ohne Zweifel einen großen Anteil an der Realisierung des arabischen Frühlings. „Facebook“, antwortet denn auch der 29jährige Ibrahim Shebani, Chefredakteur des Libyan Magazine, auf meine Frage, was seine Hauptnachrichtenquelle ist. Warum aber verlegt er dann ein Magazin?

In Deutschland blicken die Zeitungen auf eine über 350jährige Vergangenheit zurück. Die erste Zeitschrift erschien 1689. Heute sehen sie sich einer zunehmenden Konkurrenz durch das Internet ausgeliefert, suchen nach ihrer Identität – und nach einem neuen Platz in der modernen Medienwelt. Endgültig gefunden hat sie noch keiner. Und wir alle, Medienschaffende, Marketing- und Werbeprofis, rätseln darüber, wie wohl unsere Printlandschaft in wenigen Jahren aussehen mag. Vielleicht so wie in Libyen?

Das Faszinierende an der Entwicklung der Printmedien in Libyen ist zweifellos die Tatsache, dass sie mitten ins Online-Zeitalter hinein geboren werden. Statt, wie bei uns, ihren Platz dort mühsam suchen zu müssen. Haben sie dadurch bessere Voraussetzungen? Vor allem aber: Sehen sie die Medienwelt anders als wir?

Die Wochenzeitung Libya Aljadida startete im April als Online-Ausgabe. Als die Druckkapazitäten im September, kurz nach dem Fall von Tripoli am 22. August, wieder hergestellt wurden, ging sie erstmals in Druck. Seither hat man die Website vernachlässigt, um sich ganz auf Print zu konzentrieren. Die Herausgeber überlegen ernsthaft, ob sie die Online-Ausgabe wieder einstellen. Erstaunt fragen die Besucher aus „print country Germany“ nach dem Warum. Die Antwort lautet schlicht: „We must change the culture“…

Bei Arous al Bahar existiert überhaupt keine Online-Ausgabe. Und derzeit hat auch niemand die Absicht, die Printausgabe online zu stellen. Die Antwort lautet auch hier: „We need to change the culture“… Gefolgt von der Erkenntnis, dass Print im Gegensatz zu Online Vertriebserlöse einfährt.

Der junge Verleger des Libyan Magazine erläutert die Mediensituation seines Landes ausführlicher. Das Fernsehen, sagt er, habe nur Einfluss auf die unteren Schichten. Es sei ungeeignet, die Kultur des Landes zu verändern. Und dies gelte auch für das Internet. Er spricht von Bildung, von politischer und demokratischer Bildung, wenn er Kultur meint: „We have to change the culture.“ Man müsse erst lernen, Fragen zu stellen, Dinge zu hinterfragen. Eine nachhaltige Diskussion in Gang zu bringen. Dazu eigne sich, seiner Meinung nach, am besten Print. Das Internet, trotz seiner zahlreichen Blogs, sei zu „fluid“. Er begnügt sich dort mit einem Auftritt bei Facebook und Twitter.

Ich frage ihn, an wen er sich mit Libyan Magazine wendet. Er spreche junge Libyer ab 20 an, sagt er, junge Studenten, die gebildete Schicht bis etwa 35. Und da hält er Print für geeigneter als das Internet? Er scheint Recht zu haben. Von den 6.000 Exemplaren, die er zweiwöchentlich druckt, verkauft er regelmäßig über 5.000. Er wird im Januar die Auflage erhöhen. Und im Juni nächsten Jahres die erste Frauenzeitschrift Libyens herausbringen. Der junge Mann beeindruckt mich. Er redet schneller als manch anderer denkt. Er ist ein Dynamiker par excellence, der in seiner neuen Freiheit nicht zu bremsen ist. Und er glaubt fest an Print…

Noch einmal zurück zur Wochenzeitung Arous al Bahar. Sie zählt längst zu den einflussreichsten und bestgemachten Wochenzeitungen des Landes. Wir fragen, ob ein tägliches Erscheinen geplant sei. Der Chefredakteur schaut seine europäischen Gäste sichtbar erstaunt an. Warum eine Zeitung täglich erscheinen soll? Das Internet versorge die Leser doch mit allen aktuellen Nachrichten. Nein, erläutert er, mit den Internet-Nachrichten wolle und könne er nicht konkurrieren. Er will in seinem Blatt Meinungen, Analysen, Kommentare und Investigationen sehen. Das sei doch wohl der Sinn einer Zeitung. Und nicht Nachrichten zu veröffentlichen, die schon jeder kennt. Außerdem bräuchte man zum Recherchieren guter Hintergrund-Stories nun einmal Zeit. Ich komme mir vor wie ein belehrter Schuljunge…

Wir haben den libyschen Verlegern und ihren Redaktionen in den vier Tagen manches beibringen können. Über Journalismus und Marketing. Sie haben uns überraschend viel zurückgegeben. Wir sind auf Enthusiasmus gestoßen. Gewiss auch auf viel Naivität, die bekanntlich oft zum Erfolg beiträgt. Aber auch auf einige Erkenntnisse, die zwar simpel, aber nur dem Online-Zeitalter entspringen können, wenn man vor Print zuallererst das Internet eingeatmet hat.

Fernsehen hat seinen stärksten Einfluss auf gering gebildete Schichten. Online ist schnelllebig und fluid. Social Media ersetzen höchstens den Leserbrief und erzeugen Dialog. Print ist als Nachrichtenmedium zu schwach. Alleine Print ist jedoch nachhaltig. Print lebt von „Meinung, Analyse, Kommentar und Investigation“.

Das ist weder mir, noch unseren Medienschaffenden hierzulande neu. Wir haben es nur noch nicht umgesetzt. Die jungen, libyschen Printmedien machen es vor. Sie sind gerade dabei, unsere alte Welt zu überholen. Dass sie dabei die besseren Chancen hatten, lasse ich nicht als Ausrede gelten.

„Change the culture“…

Das kommt also dabei heraus, wenn der VDZ, der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, eine neue Kampagne der Sorte Gattungsmarketing aus der Taufe hebt. Man möchte einfach nur zurückrufen: „Print wirkt. Aber so ganz bestimmt nicht…“ Aber eins nach dem anderen.

In der Pressemitteilung des Verbandes heißt es: „Ein weiteres Merkmal der neuen Kampagne ist die B2B-Ausrichtung auf die Media-Entscheider in Agenturen und bei Werbungtreibenden.“ Das haut mich glatt um. Soll das heißen, dass man sich mit den bisherigen Kampagnen an die lesende Bevölkerung wandte? Dann hätte jemand aber dem Verband mal sagen können, dass die Endverbraucher den Begriff „Print“ überhaupt nicht kennen. Und dass sie zu „Zeitschrift“ in der Regel sogar fälschlicherweise „Zeitung“ sagen („Gibst du mir mal die Fernseh-Zeitung!“)

Hmmm. Das macht mich jetzt stutzig. Aber egal. Denn mit der neuen Kampagne will man sich ja endlich an die B2B-Entscheider wenden, die in werbenden Unternehmen, Werbe- und Media-Agenturen über die Wahl der Medien für ihre Kampagnen entscheiden. Dieser Erkenntnis stimme ich vollumfänglich und widerspruchslos zu. Eine super Idee.

Und da – so wird man sich im Verband gedacht haben – diese Entscheider in der Vergangenheit den qualitativen Argumenten der Zeitschriften nicht mehr zuhörten und immer weniger Anzeigen buchten, dann kommen wir ihnen halt mit Themen, die bei ihnen mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Sex zum Beispiel.

Die Motive nutzen die gute, alte Taktik: Überraschende und humorvolle Headlines, die dazu anregen, die Argumente im Fließtext zu lesen. Diese Taktik ist älter als mein Bart, kann aber durchaus funktionieren. Es sei denn, sie führt zu Einschläfer-Headlines wie „Print ist aufregender als Sex“… http://www.vdz.de/

Es mag ja sein, dass 87% der Zeitschriftenleser sich bei der Lektüre ausschließlich darauf konzentrieren. Wie viele Menschen sich beim Sex ausschließlich auf Sex konzentrieren, überfordert mein Allgemeinwissen. Google hat auch keine rechte Antwort darauf. (Wohl aber einen Hinweis, dass Sex die Konzentration fördert.) Einzig die Zeitschriftenverleger scheinen zu wissen, dass es beim Sex jedenfalls weniger sind, die sich gerade konzentrieren. Ok, zugegeben, ist Haarspalterei. Vielleicht ist es aber Tatsache, dass viele Menschen häufiger Zeitschriften lesen als Sex haben. Aber sie sehen länger fern als sie lesen. Nee, so kommen wir auch nicht weiter…

Nehmen wir eine andere Aussage. Nämlich die, wonach Print Paid Content ist („Print ist Wertpapier“) und die Deutschen allmonatlich €283 Mio. für Zeitschriften ausgeben. Leider geben sie mehr als das Doppelte für die GEZ her – monatlich €628 Mio. (Schlecht recherchiert, wie?) Und wie viel geben sie für Computer, Smartphones, Flatrates und Apps aus, um online Content zu payen? Irgendwie alles Milchmädchenrechnungen. Es sei denn, der VDZ hätte eine völlig neuartige Definition von Paid Content ersonnen.

Oder die Aussage, dass Print länger genutzt wird, als mancher Spielfilm, nämlich 91 Minuten lang. Man ist ja schon froh, dass sie für dieses Argument nicht die Headline „Unserer ist länger“ gewählt haben… Ansonsten bleibt es ein Rätsel, was die Nutzungsdauer mit der Aufmerksamkeit oder den Erfolg einer Werbekampagne zu tun haben könnte.

Oder dieser hier: Dass Zeitschriften eine höhere Reichweite haben als das Fernsehen. Das mag als Argument herhalten für Werbekunden, die gern für ihre Kampagne alle Zeitschriften einsetzen, die Deutschland zu bieten hat. Nicht aber für Mediaentscheider, denen an einem normalen und bezahlbaren Reichweitenaufbau gelegen ist. Denn in diesem Punkt sind sowohl Fernsehen, als auch Radio und sogar die Tageszeitungen den Zeitschriften deutlich überlegen. Der nächste Schuss nach hinten…

Dies alles hinterlässt kaum mehr als den Eindruck, die Verleger selbst verstünden ihr Medium nicht mehr. Wüssten nicht, mit welchen Argumenten sie ihre Anzeigenkunden noch ködern oder halten könnten.
Aber sie haben immerhin eine Gattungsmarketing-Kampagne. Das muss man ihnen zugutehalten. Das Fernsehen hat so etwas nicht zustande gebracht. Online auch nicht. Nur das Radio hat eine Radiozentrale, die allerdings finanziell wie ein zahnloser Tiger im Regen steht. Dabei ist das, was die Berliner an Ausstoß produzieren, durchaus beachtlich. Schade, dass die Radio-Sender nicht begreifen, dass sich daraus mehr machen ließe. Aber… anderes Thema.

Zurück zu den Zeitschriften. Es gibt ein einziges Argument, dass mich wirklich um den Schlaf bringt: Dass Anzeigen in Zeitschriften offenbar zweimal wahrgenommen werden (können). Wenn das stimmt, wenn sich dieser Wert tatsächlich erhärten lässt, dann hat die Anzeige doppelt so viel „Wert“ wie jedes andere Werbemittel in jedem anderen Medium. Das wäre wirklich ein Pfund in den Händen der Zeitschriftenvermarkter. Schade nur, dass sie einen kompletten Umsturz unserer Kontakt-Konventionen und Definitionen benötigen, um mit diesem Argument zu reüssieren.

Schade auch, dass sie damit nicht die Fragen der Werbungtreibenden beantworten, wie Werbung (in Zeitschriften) wirkt. Gut, das tun die anderen Medien auch nicht. Ich wette aber, dass die Antwort den Zeitschriften genügend Argumentationskraft für die nächsten hundert Jahre gäbe. Weil wir beim Lesen unser Gehirn einschalten – und nicht ein Gerät… Nur so als Beispiel.

Ich wüsste ja, was die Zeitschriften besser machen könnten. Wie sie schlagkräftigere Argumente fänden, um den Wert ihres Mediums (wieder) konkurrenzfähiger zu machen. Wie sie (wieder) zu einem Wert-vollen und unverzichtbaren Werbeträger werden. Wie sie sich deutlich besser gegen TV und Online in Position bringen. (An dieser Stelle wird’s leider honorarpflichtig…)

Doch, eine Empfehlung kann ich hier ausplaudern. Sie betrifft die Zielgruppe dieser VDZ-Kampagne: An der Spitze der Entscheider-Pyramide in Unternehmen und Agenturen sitzen die Chefs, die derzeit das Werbegeld aus Print abziehen. Sie mit Sex-Headlines abholen zu wollen, ist absurd. Mit ihnen muss man über Qualität und Content reden. Persönlich. Nicht über noch mehr Rabatte, sondern mit deutlich besseren Argumenten.

Der Rest der Zielgruppe, Product Manager, Texter, Grafiker und Jung-Planer, sind unter dreißig. Das sind diejenigen, die zur Misere beitragen. Weil sie weder Zeitungen noch Zeitschriften lesen. Sie mit Printanzeigen ansprechen zu wollen, könnte in die Hose gehen. (Ich bin ja mal gespannt, wie hoch der Online-Anteil der Kampagne ist…)

Jeder Anteil unter 70% für Online-Medien wäre kritisch. Weil sich die junge Werbe-Generation, die über die Positionierung der Medien in den nächsten Jahren entscheidet, gar nicht mehr anders erreichen lässt. Natürlich ist es für die Verleger billiger, in ihren (eigenen) Printmedien zu werben. Damit begäben sie sich auf das gleiche Niveau ihrer Werbekunden, die auch nur noch die Medien einsetzen, die „billig“ sind.

Warum setzen Zeitschriften in der Vertriebswerbung auf TV, Radio und Plakate? Warum setzt eBay auf Print? Warum verlässt sich Zalando auf TV, um wirklich groß zu werden? Weil das Medium, das einem am nächsten (billigsten) liegt, nicht immer hilfreich ist, das eigene Werbeziel zu erreichen. Das Ziel ist der Weg. Manchmal ist aber das Ziel im Weg.

Lieber VDZ, was genau ist das Ziel dieser Kampagne?
 
 

2012 wird ein aufregendes Jahr. Ich erzähle mal ein paar Dinge, die der eine oder andere vielleicht noch nicht weiß. 2012 wird ein Jahr, das wir, die in Medien, Werbung und Media arbeiten, noch lange in Erinnerung behalten werden. Es wird ein spannendes Jahr. Und es wird einige Überraschungen bereithalten…

Traditionell beginnt das Werbejahr mit den Horizont Awards und dem  Deutschen Medienkongress am 17. Januar in Frankfurt. Besonders freue ich mich auf den „Gipfel der Agenturen 2012: Agenturen im Wandel“. Es diskutieren Jürgen Blomenkamp, Dr. Andreas Bölte (da schau her!) und Manfred Kluge, die CEOs der Mediaagentur-Giganten GroupM, Aegis und OMD. Dass es tatsächlich zum Showdown kommt, dafür sorgt schon die Moderation durch Jürgen Scharrer, den Horizont-Chefredakteur himself.

Es wird um die künftige Rolle der Mediaagenturen gehen. Und um das vieldiskutierte Thema Trading. Kluge, der sich öffentlich gegen (da schau her!) das Trading ausgesprochen hat, tut dies übrigens nur, weil ja irgendjemand dem übermächtigen Marktführer GroupM Paroli bieten muss. Bölte wird sich diplomatisch zurückhalten – nach den unschönen Details, die der Ruzicka-Prozess über das Geschäftsgebaren seiner Aegis hervorbrachte. Und Blomenkamp wird wieder rhetorisch brillieren. Hoffentlich nicht nur rhetorisch.

Zum Thema Trading finden in diesen Tagen zwischen allen Medien- und Werbeverbänden Diskussionen hinter verschlossenen Türen statt. Deren Ergebnis, wie auch das Ergebnis der Horizont-Diskussion, wird sein: Trading ist an sich nichts Anstößiges (http://www.marketing-site.de/content/was-ist-eigentlich-schlecht-an-trading;7…. Wenn aber Mediaagenturen groß ins Vermarktergeschäft einsteigen wollen, weil sie hier noch mehr Profit (da schau her!) wittern, dann wird man sie auffordern, gefälligst auch ihr Beratergeschäft abzugeben. Denn Beides ist schlicht unvereinbar. Und zudem eine Ohrfeige in Richtung ihrer eigenen Kunden, die auf der jüngsten OWM-Tagung in aller Deutlichkeit Trading ablehnten und mehr Transparenz (da schau her!) forderten. Händler können mauscheln, Berater dürfen es eben nicht. Punkt.

Zu diesem Punkt erwarten wir im Januar endlich klare Aussagen. Von allen Seiten.

Apropos Kunden: Einem weiteren Unternehmen in Deutschland ist der Kragen bereits geplatzt. Einem sehr großen, prominenten Kunden, der beim Abzug seines Geschäfts aus einer der drei o.g. Agenturen eine deutliche Umsatzlücke hinterlassen wird. Seine Entscheidung ist gefallen. Er hat die Machenschaften der Mediaagenturen und ihre „Geschäftsbesorgungsverträge“ satt. Er wird eigene Wege gehen, einen ungewöhnlichen Weg. Und wenn er es will, wird er seine Entscheidung unmittelbar vor dem Horizont-Gipfel veröffentlichen. Dann haben die drei Agentur-Diskutanten eine Nuss, die sie nicht so leicht werden knacken können. Denn dieser Kunde könnte 2012ff einen wahren Domino-Effekt auslösen.

Es rumort ohnehin bedenklich in den Chefetagen der Mediaagenturen. Zu Jahresbeginn erfuhren wir, dass die Mediaplus ihre beiden langjährigen Manager verliert. Andreas Bahr und Christof Schmid haben scheinbar auch die Nase voll. Fürwahr ein Paukenschlag. Den Mediaagenturen kehrten in den letzten Jahren unzählige, erfahrene Top-Kräfte den Rücken. Aber warum?

Über die Beweggründe von Bahr und Schmid kann ich nicht spekulieren. Wohl aber habe ich die Herbst-Veranstaltungen dazu genutzt, um einige Kollegen, die CEO-Sessel in großen Mediaagenturen besetzen, mal bei einem Glas Rotwein zu befragen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Sie haben keine Lust mehr. Sie haben keine Lust mehr auf das alleinige Ziel der Profitmaximierung zu Lasten der Kundenbetreuung (und des Kundenvertrauens) und auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter. Mitarbeiter, die sie selbst ausgebildet und gefördert haben, aber augenblicklich zu entsorgen haben, wenn das Ergebnis mal nicht stimmt.

Ich kenne diese Kollegen teils sehr lange, teils sehr gut. Es sind gute Leute, die die Agenturmolochs schon seit Jahren verheizen. Der nächste Exodus ist also vorprogrammiert.

Mediaagenturen, einst ein Paradies für attraktive Beratungsarbeit, sind zu bösartigen Maschinen mutiert. Dinosaurier, die alles zermalmen, was sich ihnen in den Weg stellt: Menschen, Medien, Kunden. Das ist bitter. Und schreit nach einer Neuorientierung. Oder nach Alternativen. 2012 wird für die Mediaagenturen das Jahr der Entscheidung.

In den Kreativagenturen ist die Situation anders. Hier macht sich zunehmend Hilflosigkeit breit. Die Erlössituation wird immer dramatischer. Die Verträge, wenn es überhaupt noch welche gibt, immer weniger lukrativ. Aus strategischen Beratern und kreativen Dienstleistern werden tumbe Abspielstationen für Exekution. Crowdsourcing (http://de.wikipedia.org/wiki/Crowdsourcing[http://de.wikipedia.org/wiki/Crowdsourcing]) bedroht ihre kreative Hoheit. Das klingt überspitzt. Unter vier Augen formulieren es viele Agenturchefs weniger druckreif…

Die großen Kreativagenturen haben das Internet, ja die ganze Digitalisierung der Medienlandschaft verschlafen und an Spezialagenturen und Start-ups verloren. Und damit ihre multimediale Kompetenz. Eine Lösung des Problems ist in weite Ferne gerückt. Auch die einstigen Vorzeige-Kreativ-Schmieden machen Schlagzeilen höchstens noch mit Personalkatastrophen. Und neuerlich auch mit Büroschließungen: http://www.wuv.de/nachrichten/agenturen/mccann_erickson_gibt_die_standorte_fr…[http://www.wuv.de/nachrichten/agenturen/mccann_erickson_gibt_die_standorte_frankfurt_hamburg_und_muenchen_auf]. 2012 wird diese prekäre Situation weiter eskalieren lassen. 2012 schließen mehr Kreativagenturen als je zuvor.

Die Werbekunden kann ich an dieser Stelle nicht verschonen. Sie sagen nicht, was sie wollen. Noch schlimmer: Sie sprechen zu häufig anders als sie handeln. Sie zahlen nicht angemessen für gute Beratungsarbeit. (Oder warum traut sich niemand eine reine Mediaberatungs-Agentur zu starten?) Die wenigsten denken noch langfristig. Sie hören den Endverbrauchern kaum noch zu. Marketing und Kommunikation waren noch nie so weit davon entfernt, „Chefsache“ zu sein. Die Halbwertszeit fähiger Marketingchefs wird sich 2012 nochmals verkürzen.

Die Werbekunden sind selber schuld, dass ihnen die Mediaagenturen auf der Nase rumtanzen. Und ihre nicht enden wollenden Rabattforderungen drohen die Vielfalt und Einzigartigkeit einer Medienlandschaft zu zerstören, die sie für ihre Kommunikation dringend brauchen. Sie zersägen den Ast, auf dem sie sitzen. 2012 droht er abzubrechen. 2012 müssen sie umdenken.

Viele Medien stehen vor einem Rätsel. Viele schauten ungläubig auf ihre Umsätze des letzten Quartals. Was macht man mit einem unerwarteten Minus, das nicht mehr zu retten ist? Viele werden 2012 erneut den Rotstift ansetzen. Und wieder an der falschen Stelle, am Produkt, sparen. Statt wie Unternehmer zu investieren. Weil sie offenbar vergessen haben, welche Investitionen das künftige Überleben sichert. Ihr Markt findet hier statt, nicht in China. Juristen und Controller an der Spitze sind damit überfordert.

Wenn nicht sehr schnell wieder mehr Unternehmer-Typen, Journalisten und Medien-Kenner das Ruder übernehmen, werden Historiker das Jahr 2012 später einmal zu dem Jahr ernennen, in dem das Mediensterben in Deutschland begann. Sie werden vom Beginn des großen deutschen Printsterbens sprechen.

Angesichts dieser (Fehl-)Entwicklungen und der offensichtlichen Bedeutung des Jahres 2012 ist meine Anlehnung an Stanley Kubricks Sci-Fi-Klassiker in der Überschrift (http://www.youtube.com/watch?v=qfxP2Ct9aYs[http://www.youtube.com/watch?v=qfxP2Ct9aYs]) weder ironisch, noch zynisch gemeint. Sondern als Empfehlung. Die Vogel-Strauß-Taktik hat ausgedient. Wenn alle Marktpartner sich hinsetzen, nachdenken und zur Vernunft kommen, kann aus dem Jahr 2012 noch etwas werden.

Besser ist es, Kontakt zueinander aufzunehmen. Allerdings diesmal respektvoll und auf Augenhöhe. Und mit offenem Visier die Rollen und die Spielregeln neu zu definieren. Bevor uns das Jahr 2012 um die Ohren fliegt…