Ein lehrreiches Abenteuer in Libyen…

„Mal sehen, wie mutig du bist.“ So begann kürzlich die Frage von Klaas Glenewinkel, Chef des NGOs MICT Media in Cooperation and Transitition http://www.mict-international.org/ und mein Partner bei Plural Media Services http://www.plural-mediaservices.com/[http://www.plural-mediaservices.com/] in Berlin. „Hast du Lust, uns im Dezember auf einer Reise nach Tripoli zu begleiten?“

Mein Gehirn schaltete, so schnell es konnte: Gulp… Tripoli ist Libyen! Nicht gerade das naheliegendeste Reiseziel. Wohl aber, wenn es darum geht, den jungen und ersten unabhängigen Medien dieses Landes bei ihrem Start zu helfen. Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Wow. Ja. Wahnsinn. Wann nochmal genau?“

Am 3. Dezember machten wir uns auf den Weg. Wir: Anja Wollenberg (Klaas‘ Partnerin), Werner D’Inka (Herausgeber der FAZ), Fouad Hamdan (ein Rebell und Ex-Greenpeace-Mann), Mirco, unser Mann vor Ort, und ich. Vor uns lagen fünf Tage in der derzeit wohl aufregendsten und lehrreichsten Metropole der Welt.

Gleich nach der Ankunft in Tripoli hielten wir am Bab al Aziziya an. Der „Amtssitz“ von Gaddafi erstreckt sich über viele Quadratkilometer inmitten der Stadt. Heute ist es ein Trümmerfeld, zerstört von unzähligen amerikanischen Cruise Missiles. Und was die Amerikaner übrigließen, mähten später die Panzer der Rebellen nieder. Einige Durchgangsstraßen sind inzwischen wieder frei, damit die Bürger Tripolis stolz und siegesbewusst hindurch fahren können. Jugendliche feiern hier jeden Abend an dieser geschichtsträchtigen Stelle den Sieg ihres Volkes unmittelbar vor dem ehemaligen Präsidentenbunker. Die Stimmung ist, gerade bei Sonnenuntergang, total unwirklich.

Da steht man also inmitten der Geschichte. Inmitten einer Geschichte, die das libysche Volk erst vor wenigen Wochen schrieb. Man steht tatsächlich in Gaddafis Wohnzimmer. Auf dem Boden liegen noch ein paar Brocken Marmor, die die Souvenirjäger übersehen haben. Einstecken? Ja, man macht so etwas. Auch wenn man ahnt, dass man zuhause im Wohnzimmer keinen rechten Platz dafür finden wird…

Am nächsten Morgen geht es früh los, damit vor dem ersten Arbeitstermin bei einer Zeitung noch Zeit für etwas Sightseeing bleibt. Wir besuchen im Ortsteil Mansura einen Unterschlupf der Rebellen, der heute eines der vielen, dezentralen Verwaltungszentren beherbergt. Die ehemalige, öffentliche Verwaltung ist zusammengebrochen. Und macht Platz für eine beeindruckende Selbstverwaltung, die die Bürger der Stadt in beispielloser, ziviler Selbstdisziplin in die Hand genommen haben. Ebenso selbstverständlich und aufopferungsvoll, wie sie vor wenigen Wochen gemeinsam zu den Waffen griffen und ihren gnadenlosen Despoten niederrangen. Jeder, mit dem wir sprechen, hat Freunde und Familienmitglieder dabei verloren, wurde gefangengenommen und befreit oder verletzt. Diese Menschen haben, dank der NATO-Unterstützung, ihr Schicksal in die Hand genommen.

Aber auch das braucht Anführer und moralische Unterstützer. Während unseres Besuchs trifft der örtliche Iman und Sheik Ali Asus ein und empfängt uns. In Tripoli lebten noch bis vor wenigen Monaten hunderttausende Ausländer, die beim Ausbruch der Revolution das Land verließen. Im Augenblick sind, außer uns, kaum Ausländer in der Stadt. Umso willkommener sind wir. Er nutzt diese Gelegenheit zum Dialog.

Es herrscht eine bemerkenswerte Atmosphäre im Raum. Das letzte Mal, das mich ein Mensch so in seinen Bann gezogen hat, war eine Audienz beim Papst in Rom. Dieser Sheik strahlt Ruhe aus, Besonnenheit, Führung… und, ja, Gerechtigkeit. Man spürt, dass er, neben vielen anderen Rollen, auch Richter ist. Er gibt uns eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: „We feel to be part of the international community.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

Anekdote am Rande: Als man uns Kaffee und Kuchen anbietet, wird Anja zuerst bedient. Dazu konnte sich der Assistent des Sheik (schmunzelnd) die Bemerkung nicht verkneifen: „We know the rules…“

Unter dem Eindruck dieser Begegnung begannen wir unsere zweitägigen Workshops mit drei von MICT ausgewählten Medien, zwei unabhängigen Wochenzeitungen und der ersten Zeitschrift in Tripoli. Dabei übernahm Werner D’Inka natürlich die redaktionelle, journalistische Beratung und ich die Themen Marketing und Vermarktung. Doch davon berichte ich an anderer Stelle en detail.

Das ist in vielerlei Hinsicht interessant. Erstens findet hier ein Printexperiment quasi unter Laborbedingungen statt – und zweitens entstehen in Libyen Printmedien inmitten des Onlinezeitalters mit der Erkenntnis, dass Medien wie Facebook den arabischen Frühling erst ermöglicht haben. Aber dazu, wie gesagt, später mehr…

In einer Stadt wie Tripoli steht das Thema „security“, wie die Medien es nennen, natürlich in diesen Zeiten an oberster Stelle. Wir waren vorgewarnt. Das Auswärtige Amt, das dieses Projekt finanziert, rät eindringlich vor jeder Reise nach Libyen ab. Als wir den Vize-Botschafter zum Abendessen treffen, wird er von fünf GSG9-Soldaten begleitet und beschützt. Das Stadtbild wird beherrscht von bis auf die Zähne bewaffneten Milizen. Es sind Tripolis Milizen, erweitert um die Milizen anderer Städte, die der Stadt zu Hilfe eilten, nachdem Bengazi gefallen war. Sie sind bemüht, die fragile Ordnung aufrecht zu erhalten.

Aber der Kampf ist vorüber und die 20jährigen Soldaten haben keine rechte Aufgabe. Die geladene Kalaschnikow im Anschlag und am Steuer eines Pick-ups mit der Flak auf der Ladefläche macht sich Langeweile breit. Beim Einkaufen stellen sie ihr Gewehr ans Regal, es fällt um, ein Schuss löst sich. Nachts feuern sie einfach mal ein paar Salven in die Luft, um den Sieg über Gaddafi noch einmal und immer wieder zu feiern. Wenn das unmittelbar am Hotel passiert, man zusammenzuckt und das ungute Gefühl hat, dass der nächste Schuss das eigene Zimmer treffen könnte… dann findet man es eine gute Idee, dass neuerdings auf den Märkten Silvesterböller angeboten werden, damit sich die jungen Leute  abreagieren können.

Apropos junge Leute: Sechzig Prozent der libyschen Bevölkerung ist unter dreißig. In den Straßen sieht man fast nur junge Männer (die Frauen bleiben ja daheim…). Welch ein Vergleich zu unseren Innenstädten, die von Senioren mit Rollatoren bevölkert sind. Diesen jungen Leuten gehört die Zukunft. Der ganze Mittlere Osten und Nordafrika besteht nur aus jungen Leuten, die darauf brennen, sich auszubilden und ihre Welt zu erobern. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum unsere Exportindustrie hier so zögerlich ist. Warum sie sich nach wie vor von arabischen Distributoren vertreten lassen, die die Sahne abschöpfen. Warum sie nicht Flagge zeigen.

Die Situation in Libyen ist keinesfalls vergleichbar mit Kurdistan, das ich im Frühjahr besuchte. Dass unsere Unternehmen den Irak noch scheuen und abwarten, ist für mich zwar auch fragwürdig, aber nachvollziehbar. Libyen ist anders. Der Verleger des ersten Nachrichtenmagazins Libyens ist Inhaber einer Werbeagentur, die P&G, Johnson&Johnson, Pepsi und Kraft auf ihrer Kundenliste hatte. Er hofft, dass sie bald wiederkommen, nachdem sie zu Beginn der Revolution fluchtartig das Land verließen.

Ich hoffe sehr, dass unsere deutschen Unternehmen das Potential dieses Marktes – und das der übrigen, neuen Märkte in Nordafrika und Middle East – ebenso schnell begreifen. Bevor die Asiaten, allen voran die Japaner und Chinesen, ihnen nur noch die Brotkrumen übrig lassen.

Fünf Tage später. Abreise. Im Radio des Taxis spielt auf der Fahrt zum Flughafen „Winds of Change“. Zufall? Wehmut klingt nach. Wir haben hier neue Freunde gefunden. Freunde die unsere Unterstützung brauchen. Der Rückflug führt über Istanbul zurück nach Düsseldorf…

Die Mission war erfolgreich: Werner D’Inka und ich haben offenbar Spuren hinterlassen können. Wir haben den jungen Medien-Schaffenden  helfen können, ihren zukünftigen Weg zu gehen. Wir werden ihren Weg weiter begleiten. Und in spätestens einem Jahr wiederkommen.

Bei allem Erfolg, man freut sich auf Zuhause. Hier prasselt zwar ein heftiger Regen gegen die Fensterscheiben. Aber keine Kugeln aus einer Kalaschnikow. Gleich an der ersten (von vier) Security-Stationen am Eingang zum Flughafen von Tripoli wird unser Handgepäck ausgemustert. Die Kalaschnikow-Patronenmagazine, die wir im Unterschlupf der Rebellen fanden und mit nach Hause nehmen wollten, legt der Soldat zur Seite. Als ich ihm erklären will, das sei doch nur ein Souvenir, grinst er mich an. Es ist ein breites, ein freundliches Grinsen…
 
 

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3 comments
  1. Thomas Koch said:

    Good to know. Thanks…

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