Archive

Monthly Archives: December 2011

Die berühmt-berüchtigten Tage „zwischen den Jahren“ sollen wir bekanntlich dazu nutzen, das alte Jahr Revue passieren zu lassen und daraus Erkenntnisse und Schlüsse für das neue Jahr zu ziehen. Beruflich und privat. Privat entstehen daraus die „guten Vorsätze“, wie gesünder leben und mehr Sport treiben, an denen man allzu oft kläglich versagt. Stattdessen könnte man versuchen, sein Glück – und das anderer – zu mehren. Beruflich kann man sich neue Ziele setzen. Sie mit Energie voranzutreiben, ist „alternativlos“ (mein Lieblingswort 2011).

Neue Ziele müsste ich mir beruflich nicht mehr unbedingt setzen. Zumindest erwartet das niemand von mir. Manche wären insgeheim froh, wenn ich mich in Zukunft etwas mehr aus dem Media- und Medien-Business raushalten würde. Andere würden genau das vermissen. Man kann es halt nie allen Recht machen…

Golf spielen ist nicht mein Ding. Ich habe mir stattdessen für 2012 viel vorgenommen.

Unser „Kreativer Denkpartner und Ideengeber“ Warum Wippt Der Fuß? http://warum-wippt-der-fuss.com/ geht ins zweite Jahr. Mit großen Projekten und noch viel mehr Ideen.

Mit Ralf Schwartz habe ich im letzten Jahr @CraftnVision als Agenturberatung gegründet. Und mit zehn weiteren Mit-Gründern The Third Club http://www.thethirdclub.de/gruender/41/schwerpunkte_2012/[http://www.thethirdclub.de/gruender/41/schwerpunkte_2012/].

Mit Plural http://www.plural-mediaservices.com/[http://www.plural-mediaservices.com/] bereiste ich letztes Jahr Kurdistan im Irak und Libyen und startete dort zahlreiche Medienprojekte, die wir weiter begleiten. 2012 stehen erneute Reisen nach Kurdistan und Libyen an, dazu kommen Reisen nach Tunesien und in den Süd-Sudan, in das jüngste neue Land auf unserem Planeten.

Mit meinem Blog bei Posterous http://www.posterous.com/ufomedia[http://www.posterous.com/ufomedia] bin ich mehr als zufrieden. Fast 19.000 Menschen lasen seit letztem Februar meine Posts, die es im Schnitt auf über 1.600 Views bringen. Danke, das spornt an, weiterzuschreiben.

Kolumnen bei Wirtschaftwoche http://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/werbesprech-internet-schielt-auf…[http://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/werbesprech-internet-schielt-auf-joghurts/5873828.html], neuerdings auch Absatzwirtschaft http://www.absatzwirtschaft.de/content/communication/news/2012-gibt-es-unter-…[http://www.absatzwirtschaft.de/content/communication/news/2012-gibt-es-unter-den-medien-praktisch-nur-verlierer;75574] und „Koch unterwegs“ http://www.planus-media.de/dws/2/seite/437/AktSeite124/3/aktuelles/index.shtml[http://www.planus-media.de/dws/2/seite/437/AktSeite124/3/aktuelles/index.shtml] halten mich gut auf Trab. Ebenso wie mein Lehrauftrag an der FH Gelsenkirchen, den ich nicht missen wollte.

Meine Herausgeberschaft beim People-Magazin Clap („Für Neugierige, Eitle und Schadenfrohe.“) http://www.clap-club.de/[http://www.clap-club.de/] erfordert ein wenig mehr, als nur jeden Monat eine Kolumne zu schreiben: Clap ist mir eine Herzensangelegenheit, deren nachhaltiger, publizistischer Erfolg die Branche auch im fünften Jahr begeistert.

Wenn dann wieder ein paar eigene Mediaberatungsprojekte für tk-one dazukommen, die für die nötige Bodenhaftung sorgen… dann bleibt kaum Zeit, das Buch fertigzustellen, das halbfertig auf meinem Schreibtisch liegt. Es besteht aus zahlreichen Anekdoten aus meinem Berufsleben, die ich bislang für mich behalten habe, die aber (so hoffe ich) für jeden, der in der Medien- und Media-Branche arbeitet oder sich gar selbständig machen will, Erkenntnisse und Impulse bietet. Dazu viele Schmunzler und noch mehr Ironisches, reichlich Selbstkritik und noch mehr Kritik an der Welt, in der wir arbeiten. Es wird 2012 fertig.

Ich freue mich auf 2012. Es wird ein sehr aufregendes Jahr. Es wird wirtschaftlich nicht ganz so grandios, wie unsere Wirtschaftsweisen uns derzeit weismachen wollen. Es wird für viele Marktteilnehmer in unserer Branche zu weiteren Einschnitten führen.

Die Werbeagenturen müssen lernen, nicht blind ihren Auftraggebern zu gehorchen, sondern den Endverbrauchern zuzuhören. Weil sonst der Erfolg ihrer Kampagnen noch mehr leidet, die Werbekunden noch mehr Aufträge abziehen. Und ihr Glück in der Crowd suchen.

Die Mediaagenturen müssen von ihrem hohen Ross herunter. Sie haben eine Aufgabe, die über die eigene Profit-Maximierung hinausgeht. Sie müssen lernen, wieder Dienstleister zu sein. Dienstleister ihrer Kunden und „Versteher“, nicht „Nerver“ der Endverbraucher. Sie müssen das Vertrauen ihrer Kunden wiedergewinnen. Sonst fliegen ihnen ihre Trading-Modelle mitsamt Profit gehörig um die Ohren.

Die Werbekunden müssen lernen, dass man der Zukunft des Marketing mit Gespür und Visionskraft begegnen muss. Dass ROI und „number crunching“ noch keine Marke erfolgreich gemacht hat. Und dass schlecht bezahlte Agenturen schlechte Arbeit abliefern.

Die Medien müssen lernen, mit der Digitalisierung unserer Welt umzugehen. Die klassischen Medien müssen sich wieder auf ihre Stärken besinnen. Und offenbar völlig neu lernen, sie zu vermarkten. Und die digitalen Medien müssen lernen, ihr Produkt vernünftig zu verkaufen, bevor sie es endgültig verramschen.

Es wird ein aufregendes Jahr. Es kann ein sehr gutes Jahr werden…
 
 
 
 

In wenigen Tagen sitzen wir alle unter irgendeinem Weihnachtsbaum. Viele werden glücklichen Kindern in die staunenden Augen sehen – und sind ganz privat, ganz Mensch. Dann ist es nur noch eine Woche bis zum neuen Jahr 2012. Zeit, sich und anderen ein paar Fragen zu stellen.

Liebe Mediaplaner: Ihr setzt alles daran, eure Arbeit zu mechanisieren und zu automatisieren. Ja, ich weiß, intellektuelle Arbeit ist teuer, aber ich rede jetzt mit euch, nicht mit euren CEOs. Am liebsten wäre euch, man könnte das Kundenziel einfach oben in einen Computer werfen – und unten käme der fertige Mediaplan heraus. Wann besinnt ihr euch, dass das Entwickeln einer Kunden-individuellen Mediastrategie und die Auswahl passender Werbeträger eine intellektuelle, emotionale und höchst befriedigende Aufgabe ist?

Liebe Mediaeinkäufer: Seit dem Ende der gültigen Tarife in Deutschland habt ihr die Medien ordentlich unter Druck gesetzt. Und ihr habt ganze Arbeit geleistet: Die Brutto-Netto-Schere liegt inzwischen weit unter 40%. Als Folge davon kürzen die Verlage Journalistengehälter, legen Redaktionen zusammen oder gliedern sie gleich ganz aus. Dass den TV-Sendern das Geld für gutes Programm fehlt, sieht man jeden Abend. Im Radio spielt jeder Sender das gleiche, austauschbare Gedudel. Wie weit wollt ihr gehen? Wollt ihr die Medienvielfalt und -kultur erhalten, die eure Kollegen in der Mediaplanung dringend brauchen?

Liebe Mediaagentur-CEOs: Ihr habt in den letzten fünfzehn Jahren für eure Shareholder in den USA, in England, Frankreich und Spanien astronomisch gute Renditen erzielt, die höchsten der gesamten Werbebranche. Die Medien und deren Werbeerlöse sind am Boden, die Planungsqualität ist kaum mehr vorhanden und eure Kunden trauen euch nicht mehr von hier bis zur Konfi-Tür. Kein Wunder, dass immer mehr Agentur-CEOs keine Lust mehr haben und aussteigen. Habt ihr nicht Lust, euren Worldwide-Chefs zu erklären, dass ihr euch wieder um eure Kunden und die Qualität eurer Arbeit kümmern müsst? Wenn selbst Publicis‘ Maurice Levy erklärt „Es geht nicht mehr ums Geldverdienen“? Und seht ihr nicht, dass Trading das falsche Signal für eure Zukunft setzt? Dass ihr gerade den Ast absägt, auf dem ihr sitzt?

Liebe Kreative: Bei den diesjährigen Awards habt ihr weltweit ziemlich gut abgeschnitten. Schade, dass so viele der prämierten Kampagnen nie wirklich in deutschen Medien zu sehen waren. Dabei ist hier gut zu tun: Nach dem Debakel um das Vertrauen in die deutschen Banken und Versicherungen, nach Ergo und der seltsamen MediaMarkt-Kampagne. In einer Zeit, in der die Endverbraucher immer kritischer und Dialog-freudiger werden. Kribbelt es euch nicht in den Fingern, mal wieder eine kreative Revolution auszurufen? Wieder Kampagnen zu entwickeln, die diskutiert werden, weil sie so gut sind? Oder mal wieder eine richtig geile Anzeige oder einen fantastischen Radiospot zu entwickeln, die uns von den Füßen holen?

Liebe Zeitungen: Ich weiß, ihr hattet ein schweres Jahr. Aber das ist kein Grund, immer schwerfälliger zu werden. Ihr habt ein Pfund in der Hand, um das euch mancher beneiden würde: Zeitungen, Anzeigenblätter, Radiosender, Websites. Wann habt ihr denn vor, euren Werbekunden und ihren Agenturen das anzubieten? Mal gebündelt, mal Zielgruppen-spezifisch, mal national, mal lokal? Wann begreift ihr endlich, dass sich die Menschen am meisten für das interessieren, was vor ihrer Haustür passiert? Dass die Menschen nicht die Nachrichten von gestern, sondern Meinungen, Kommentare und Analysen lesen wollen? Dass ihr mitverantwortlich dafür seid, ob wir in Zukunft noch eine Lesekultur besitzen?

Liebe Zeitschriften: Es ist zugegebenermaßen unangenehm, wenn die Auflagen und Anzeigenerlöse sinken. Aber Forschungsgeld einsparen und mit eurem AIM so zu tun, als könnte man Print wie TV messen, ist auch keine Lösung. Besser wäre es, sich auf seine Stärken zu besinnen. Wann habt ihr vor, dem Markt wieder zu erläutern, warum man jahrzehntelang Magazine für die Kommunikation einsetzte? Wann beabsichtigt ihr, dieses (selbst bei euch) verschüttete Wissen wieder auszugraben? Statt den Kunden die Rabatte hinterherzutragen, wann nehmt ihr endlich wieder den Kampf um die Werbegelder mit qualitativen Argumenten auf? Und wann entwickelt ihr endlich Jetztzeit-kompatible Magazine?

Liebes Fernsehen: Ihr wollt um jeden Preis das Lead-Medium bleiben. Das hat jedoch auch etwas mit der Qualität eures Angebotes zu tun. Ihr habt am Programm gespart, was nur ging. Ihr habt eure Gewinne von den Werbeerlösen unabhängig gemacht. Nun setzt ihr alles daran, die Zuschauer von den Flachbildschirmen wegzulotsen. Seid ihr wirklich erst dann zufrieden, wenn jeder Zuschauer sein individuelles Programm am Rechner und Smartphone dirigiert? Wenn auch der letzte Zuschauer am Bildschirm twittert und facebookt, statt dem Programm und seinen Werbeblöcken zu folgen? Habt ihr das Lagerfeuer schon komplett aufgegeben?

Liebe Onliner: Eigentlich könntet ihr mit der Entwicklung ganz zufrieden sein. Wenn ihr euer Medium nicht schon längst verramscht hättet. So schnell wie ihr hat das noch kein Medium geschafft. So wehrlos hat noch kein Medium seine Vermarktung aus der Hand gegeben und seine Werbeplätze zur Commodity werden lassen. Wann kehrt ihr zurück zu einer Qualitätsdebatte, wenn es dafür nicht schon längst zu spät ist? Glaubt ihr ernsthaft, dass Branding-Kampagnen die Lösung sind? Meint ihr nicht, dass jedes Medium seine Stärken und Schwächen besitzen muss? Und eine klare Positionierung? Wäre es nicht an der Zeit, dem Markt zu beweisen, wie man das Internet am effektivsten in seinen Kommunikations-Mix einbaut?

Liebe Plakatinos: Eure Digitalisierung ist der Hammer. Und zeigt sehr anschaulich und überzeugend, wie das älteste Medium der Welt sich für die digitale Welt rüstet. Aber Hand aufs Herz: Wie viele eurer Stellen eignen sich zur digitalen Umrüstung? Mehr als zwei Prozent? Werdet ihr nicht auch in Zukunft euer Geld mit den guten alten, geklebten und rollierenden Großflächen und CLPs machen? Statt nur noch von Digitalisierung zu reden, vergesst ihr dabei nicht die Wirkung des großen, stehenden Bildes? Gerade heute, in einer Welt, in der alles nur noch unruhig wuselt, blinkt und rotiert?

Liebe Radios: Euch müsste es richtig gut gehen. Alle Welt redet zwar nur noch von Digital, aber mit eurem faszinierenden Rund-um-die-Uhr-Wohlfühl-Medium müsstet ihr euch unbemerkt zu einer Ikone der Medienlandschaft durchgeschlängelt haben. Ihr habt alles, was das Herz begehrt: Reichweite, loyale Hörer und preiswerte Kontakte. Stattdessen bekriegt ihr euch gegenseitig und beschäftigt euch mehr mit euch selbst als mit eurer Vermarktung. Wann kehrt ihr zur Vernunft zurück und vermarktet euer Medium als das, was es ist: Als unverzichtbaren Bestandteil jedes Media-Mix für eine erfolgreiche Kommunikation mit Millionen von Endverbrauchern?

Liebe Werbekunden: Ihr habt euch in eine unglückliche Lage gebracht. Einerseits wollt ihr, dass eure Kampagnen erfolgreich sind und einen messbaren Return On Investment bringen. Andererseits habt ihr zugelassen, dass euer Marketing immer mehr kastriert wurde und die wichtigsten Entscheidungen in der Kommunikation an das Controlling abgab. Ihr redet zwar von erfolgreicher Kommunikation, fordert aber eigentlich nur billige Werbung. Euer Rabattdruck hat zwar nicht die Mediaagenturen (die euch auf der Nase rumtanzen) beschädigt, wohl aber Medienlandschaft und Medienkultur. Nun beklagt ihr die Qualität der Medien und ihrer Werbeplätze. Wann kehrt ihr zurück zu effektiver, statt billiger Werbung? Wann beginnt ihr wieder zwischen hochwertigen Medien und Ramsch zu unterscheiden? Wann seid ihr wieder bereit, für hochwertige Umfelder auch angemessene Preise zu zahlen? Wann hört ihr auf, den marktwirtschaftlichen Medien-Wettbewerb auf etwas anderes als den Preis zu reduzieren?

Liebe Werbe- und Medien-Branche: Wenn man auf das alte Jahr zurückblickt, wird man das Gefühl nicht los, dass nichts wirklich Neues entstanden ist. Dass alles in seiner alten Spur geblieben ist. Man erwartet einfach mehr von einer Branche, die den Anspruch hat, zu den Vorreitern zu zählen. Und das in einer Zeit, in der die Menschen, die Endverbraucher, unsere Zielgruppen ihre Welt auf den Kopf stellen. Mit Rabattforderungen, einer falschen Vorstellung des ROI und zuletzt mit dem Thema Trading wurden falsche Signale gesetzt, die die Kommunikationsbranche in Deutschland nicht voranbringen.

Deshalb wünsche ich mir für das Jahr 2012 von allen Playern wieder mehr Innovation, wirklich Neues. Ich wünsche mir, dass wir neue Wege beschreiten. Wege, die beweisen, dass wir unsere digitale und soziale Welt wirklich verstanden haben. Dass wir die Konsumenten verstehen, ihnen zuhören, sie ernstnehmen und respektieren. Und dass das auch für unsere Geschäftspartner gilt.
 

„Mal sehen, wie mutig du bist.“ So begann kürzlich die Frage von Klaas Glenewinkel, Chef des NGOs MICT Media in Cooperation and Transitition http://www.mict-international.org/ und mein Partner bei Plural Media Services http://www.plural-mediaservices.com/[http://www.plural-mediaservices.com/] in Berlin. „Hast du Lust, uns im Dezember auf einer Reise nach Tripoli zu begleiten?“

Mein Gehirn schaltete, so schnell es konnte: Gulp… Tripoli ist Libyen! Nicht gerade das naheliegendeste Reiseziel. Wohl aber, wenn es darum geht, den jungen und ersten unabhängigen Medien dieses Landes bei ihrem Start zu helfen. Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Wow. Ja. Wahnsinn. Wann nochmal genau?“

Am 3. Dezember machten wir uns auf den Weg. Wir: Anja Wollenberg (Klaas‘ Partnerin), Werner D’Inka (Herausgeber der FAZ), Fouad Hamdan (ein Rebell und Ex-Greenpeace-Mann), Mirco, unser Mann vor Ort, und ich. Vor uns lagen fünf Tage in der derzeit wohl aufregendsten und lehrreichsten Metropole der Welt.

Gleich nach der Ankunft in Tripoli hielten wir am Bab al Aziziya an. Der „Amtssitz“ von Gaddafi erstreckt sich über viele Quadratkilometer inmitten der Stadt. Heute ist es ein Trümmerfeld, zerstört von unzähligen amerikanischen Cruise Missiles. Und was die Amerikaner übrigließen, mähten später die Panzer der Rebellen nieder. Einige Durchgangsstraßen sind inzwischen wieder frei, damit die Bürger Tripolis stolz und siegesbewusst hindurch fahren können. Jugendliche feiern hier jeden Abend an dieser geschichtsträchtigen Stelle den Sieg ihres Volkes unmittelbar vor dem ehemaligen Präsidentenbunker. Die Stimmung ist, gerade bei Sonnenuntergang, total unwirklich.

Da steht man also inmitten der Geschichte. Inmitten einer Geschichte, die das libysche Volk erst vor wenigen Wochen schrieb. Man steht tatsächlich in Gaddafis Wohnzimmer. Auf dem Boden liegen noch ein paar Brocken Marmor, die die Souvenirjäger übersehen haben. Einstecken? Ja, man macht so etwas. Auch wenn man ahnt, dass man zuhause im Wohnzimmer keinen rechten Platz dafür finden wird…

Am nächsten Morgen geht es früh los, damit vor dem ersten Arbeitstermin bei einer Zeitung noch Zeit für etwas Sightseeing bleibt. Wir besuchen im Ortsteil Mansura einen Unterschlupf der Rebellen, der heute eines der vielen, dezentralen Verwaltungszentren beherbergt. Die ehemalige, öffentliche Verwaltung ist zusammengebrochen. Und macht Platz für eine beeindruckende Selbstverwaltung, die die Bürger der Stadt in beispielloser, ziviler Selbstdisziplin in die Hand genommen haben. Ebenso selbstverständlich und aufopferungsvoll, wie sie vor wenigen Wochen gemeinsam zu den Waffen griffen und ihren gnadenlosen Despoten niederrangen. Jeder, mit dem wir sprechen, hat Freunde und Familienmitglieder dabei verloren, wurde gefangengenommen und befreit oder verletzt. Diese Menschen haben, dank der NATO-Unterstützung, ihr Schicksal in die Hand genommen.

Aber auch das braucht Anführer und moralische Unterstützer. Während unseres Besuchs trifft der örtliche Iman und Sheik Ali Asus ein und empfängt uns. In Tripoli lebten noch bis vor wenigen Monaten hunderttausende Ausländer, die beim Ausbruch der Revolution das Land verließen. Im Augenblick sind, außer uns, kaum Ausländer in der Stadt. Umso willkommener sind wir. Er nutzt diese Gelegenheit zum Dialog.

Es herrscht eine bemerkenswerte Atmosphäre im Raum. Das letzte Mal, das mich ein Mensch so in seinen Bann gezogen hat, war eine Audienz beim Papst in Rom. Dieser Sheik strahlt Ruhe aus, Besonnenheit, Führung… und, ja, Gerechtigkeit. Man spürt, dass er, neben vielen anderen Rollen, auch Richter ist. Er gibt uns eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: „We feel to be part of the international community.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

Anekdote am Rande: Als man uns Kaffee und Kuchen anbietet, wird Anja zuerst bedient. Dazu konnte sich der Assistent des Sheik (schmunzelnd) die Bemerkung nicht verkneifen: „We know the rules…“

Unter dem Eindruck dieser Begegnung begannen wir unsere zweitägigen Workshops mit drei von MICT ausgewählten Medien, zwei unabhängigen Wochenzeitungen und der ersten Zeitschrift in Tripoli. Dabei übernahm Werner D’Inka natürlich die redaktionelle, journalistische Beratung und ich die Themen Marketing und Vermarktung. Doch davon berichte ich an anderer Stelle en detail.

Das ist in vielerlei Hinsicht interessant. Erstens findet hier ein Printexperiment quasi unter Laborbedingungen statt – und zweitens entstehen in Libyen Printmedien inmitten des Onlinezeitalters mit der Erkenntnis, dass Medien wie Facebook den arabischen Frühling erst ermöglicht haben. Aber dazu, wie gesagt, später mehr…

In einer Stadt wie Tripoli steht das Thema „security“, wie die Medien es nennen, natürlich in diesen Zeiten an oberster Stelle. Wir waren vorgewarnt. Das Auswärtige Amt, das dieses Projekt finanziert, rät eindringlich vor jeder Reise nach Libyen ab. Als wir den Vize-Botschafter zum Abendessen treffen, wird er von fünf GSG9-Soldaten begleitet und beschützt. Das Stadtbild wird beherrscht von bis auf die Zähne bewaffneten Milizen. Es sind Tripolis Milizen, erweitert um die Milizen anderer Städte, die der Stadt zu Hilfe eilten, nachdem Bengazi gefallen war. Sie sind bemüht, die fragile Ordnung aufrecht zu erhalten.

Aber der Kampf ist vorüber und die 20jährigen Soldaten haben keine rechte Aufgabe. Die geladene Kalaschnikow im Anschlag und am Steuer eines Pick-ups mit der Flak auf der Ladefläche macht sich Langeweile breit. Beim Einkaufen stellen sie ihr Gewehr ans Regal, es fällt um, ein Schuss löst sich. Nachts feuern sie einfach mal ein paar Salven in die Luft, um den Sieg über Gaddafi noch einmal und immer wieder zu feiern. Wenn das unmittelbar am Hotel passiert, man zusammenzuckt und das ungute Gefühl hat, dass der nächste Schuss das eigene Zimmer treffen könnte… dann findet man es eine gute Idee, dass neuerdings auf den Märkten Silvesterböller angeboten werden, damit sich die jungen Leute  abreagieren können.

Apropos junge Leute: Sechzig Prozent der libyschen Bevölkerung ist unter dreißig. In den Straßen sieht man fast nur junge Männer (die Frauen bleiben ja daheim…). Welch ein Vergleich zu unseren Innenstädten, die von Senioren mit Rollatoren bevölkert sind. Diesen jungen Leuten gehört die Zukunft. Der ganze Mittlere Osten und Nordafrika besteht nur aus jungen Leuten, die darauf brennen, sich auszubilden und ihre Welt zu erobern. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum unsere Exportindustrie hier so zögerlich ist. Warum sie sich nach wie vor von arabischen Distributoren vertreten lassen, die die Sahne abschöpfen. Warum sie nicht Flagge zeigen.

Die Situation in Libyen ist keinesfalls vergleichbar mit Kurdistan, das ich im Frühjahr besuchte. Dass unsere Unternehmen den Irak noch scheuen und abwarten, ist für mich zwar auch fragwürdig, aber nachvollziehbar. Libyen ist anders. Der Verleger des ersten Nachrichtenmagazins Libyens ist Inhaber einer Werbeagentur, die P&G, Johnson&Johnson, Pepsi und Kraft auf ihrer Kundenliste hatte. Er hofft, dass sie bald wiederkommen, nachdem sie zu Beginn der Revolution fluchtartig das Land verließen.

Ich hoffe sehr, dass unsere deutschen Unternehmen das Potential dieses Marktes – und das der übrigen, neuen Märkte in Nordafrika und Middle East – ebenso schnell begreifen. Bevor die Asiaten, allen voran die Japaner und Chinesen, ihnen nur noch die Brotkrumen übrig lassen.

Fünf Tage später. Abreise. Im Radio des Taxis spielt auf der Fahrt zum Flughafen „Winds of Change“. Zufall? Wehmut klingt nach. Wir haben hier neue Freunde gefunden. Freunde die unsere Unterstützung brauchen. Der Rückflug führt über Istanbul zurück nach Düsseldorf…

Die Mission war erfolgreich: Werner D’Inka und ich haben offenbar Spuren hinterlassen können. Wir haben den jungen Medien-Schaffenden  helfen können, ihren zukünftigen Weg zu gehen. Wir werden ihren Weg weiter begleiten. Und in spätestens einem Jahr wiederkommen.

Bei allem Erfolg, man freut sich auf Zuhause. Hier prasselt zwar ein heftiger Regen gegen die Fensterscheiben. Aber keine Kugeln aus einer Kalaschnikow. Gleich an der ersten (von vier) Security-Stationen am Eingang zum Flughafen von Tripoli wird unser Handgepäck ausgemustert. Die Kalaschnikow-Patronenmagazine, die wir im Unterschlupf der Rebellen fanden und mit nach Hause nehmen wollten, legt der Soldat zur Seite. Als ich ihm erklären will, das sei doch nur ein Souvenir, grinst er mich an. Es ist ein breites, ein freundliches Grinsen…