Kleine Medienkunde III: Print ist krank…

Sie haben es auch gehört: Print ist erkrankt. Ganz furchtbare Sache. Deshalb habe ich ihm neulich einen Krankenbesuch abgestattet. Er sah wirklich nicht gut aus. Aschfahl, würde man sagen. Es hat ihm regelrecht die Farbe aus dem Gesicht gezogen.

Gut, im Alter von 360 Jahren ist man gewiss nicht mehr der Jüngste. Aber für ein Medium ist das doch kein Alter. Man schaue sich doch nur das Plakat an. Obwohl deutlich älter, springt es noch herum wie ein junger Hüpfer.

Da mir Print nicht wirklich erklären konnte, wo denn nun eigentlich der Schuh drückt – außer herumzujammern – habe ich den behandelnden Arzt konsultiert. Er sprach von leichten Verkürzungen an den Extremitäten, die aber eigentlich in dem Alter normal wären. Print könnte sich allerdings auch diesen gemeinen und weitverbreiteten „Internet“-Virus eingefangen haben. Aber der würde den Gesamtzustand nicht allein erklären können. Vermutlich läge doch, wie so oft, eine psychische Störung vor. Er vermutet Depressionen, kann sich aber trotz gründlicher Anamnese die Ursache dafür nicht erklären.

Rätselhaft. Das Beste, dachte ich mir, ich befrage einen der wenigen Protagonisten aus dem Krankenlager, der sich nicht von dieser seltsamen Krankheit hat anstecken lassen: „Die Zeit“, die immerhin auch schon ihre 65 Jahre auf dem Buckel hat. Hier ist ihre Antwort:

„Die Presse soll die Mächtigen kontrollieren, so will es das Grundgesetz, das sie deshalb unter besonderen Schutz stellt. Doch jetzt sieht es so aus, als ob sich die Presse ihrer Freiheit selbst beraubt. Seit Jahren prophezeien Verleger ihrem eigenen Produkt den Tod. Die Zeitung sei »ökonomisch bankrott«, sagte der Zeitungsmogul David Montgomery, eine »sinnlose, egoistische Obsession mit toten Bäumen«. Montgomery hat über 300 Blätter. Warum redet jemand sein eigenes Produkt schlecht?

Die deutschen Tageszeitungen haben innerhalb von zehn Jahren fünf Millionen Käufer verloren; seit der Wirtschaftskrise schalten die Unternehmen erheblich weniger Anzeigen, Geld, auf das die Verlage angewiesen sind. Und dann gibt es da dieses Problem.

»Das Internet«, sagt Mathias Döpfner, der Chef des Axel Springer Verlags.

»Das Internet«, sagt der Verleger Hubert Burda, der hinter Focus und Bunte steht.

»Das Internet«, sagt Bernd Buchholz, der Vorstandschef von Gruner + Jahr, Deutschlands größtem Zeitschriftenverlag.

»Kostenpflichtiger Universaljournalismus nimmt an Bedeutung ab«, sagt der Medienberater Alexander Kahlmann und meint damit die Zeitungen. Seine Firma hat mehr als hundert von ihnen beraten. Es ist merkwürdig: Auch der Operateur glaubt nicht an das Überleben seiner Patienten.“ (Die Zeit, 26.11.09)

Daraus folgere ich erst einmal, dass die Patienten an die eigene Genesung selbst nicht glauben. Das ist ja mal ganz schlecht. Bei viralen Infekten. Besonders aber bei psychischen Leiden.
Vielleicht wagen wir einfach einen Blick in die Zukunft. Und betrachten dabei besonders die Funktion der verschiedenen Printmedien. Daran müsste sich doch erkennen lassen, ob und welcher dieser Funktionen auch in Zukunft wichtig bleiben – und welche davon unabwendbar dem Killervirus Internet letal verfallen.

Beginnen wir mit Fachzeitschriften. Sie dienen der reinen Information eines geschlossenen Expertenkreises. Was ihnen in der Printversion eindeutig fehlt, ist ein Dialogmodus: Meinungsaustausch, Gedankenaustausch, Erfahrungsberichte. Beides zusammen, pure Information und Dialog, kann das Internet besser. Damit haben wir den ersten Print-Kandidaten, der sein analoges Dasein aushaucht und künftig als Geist im Äther des Internets weiterlebt. Weiterleben werden die Fachmedien im Internet bestens, denn viele von ihnen bieten wertigen Content und eine begehrenswerte Community. Paid content müsste für Fachmedien also wunderbar funktionieren. Es wird sich dabei jedoch brutal Spreu von Weizen trennen. Medizinisch haben wir es hier mit einer Art von Wiedergeburt – Reinkarnation – zu tun.

Publikumszeitschriften haben mehr als nur eine einzige Funktion. Am häufigsten jedoch sicher die der Unterhaltung und Entschleunigung. Sie sind ein Lean-Back-Medium. Wie Bücher entführen sie die Leser in ihre Welten. Sie fesseln durch interessante Themen und Neuigkeiten, die keineswegs tagesaktuell sein müssen. Sie konfrontieren ihre Leser mit Themen, die sie zwar nicht immer suchten, aber neugierig aufsaugen. Sie überraschen.

Also haben die meisten Publikumszeitschriften im Internet eigentlich nichts zu suchen. Sie können gern auf’s iPad, um dort der Bewegtbild-Hysterie zu frönen. Aber sie müssen es nicht. Das ruhende Bild hat seine eigene Qualität und gewinnt womöglich einen immer höheren Wert. Insbesondere dann, wenn sich um sie herum alles andere bewegt, flattert und blinkt. Zumindest gewinnt man beim Betreten einer Bahnhofsbuchhandlung den Eindruck, dass es um Angebot und Nachfrage bestens bestellt ist. Die alten Meister in den Museen werden auch in Zukunft nicht durch filmische Bewegtbild-Projektionen ersetzt…Medizinisch ist dies ein ganz klarer Fall von Hypochondrie.

Kommen wir zu den Zeitungen, dem Printmedium, das durch den Internet-Virus scheinbar am ärgsten in Mitleidenschaft gezogen ist. Die Zeitung ist ein Informationsmedium. Auf dem ersten Blick. Es bedient eine heterogene Leserschaft mit einer riesigen Vielfalt an Themen. Es hat 360 Jahre lang Themen wie Politik, Wirtschaft, Sport, Feuilleton, Kultur, Gesellschaft und Lokales unter einen medialen Hut gebracht. Diese Vielfalt bedient das Internet heute natürlich besser, denn es liefert zu jedem dieser Themen ein Mehrfaches an Quellen und Informationen.

„Die Zeitung von heute besteht aus den Tweets von gestern.“ Für das Internet-Zeitalter ist die Zeitung viel zu langsam. Jedes andere Medium – Fernsehen, Radio und erst recht das Internet – haben jede Nachricht in der Zeitung von morgen längst gebracht und, schlimmer noch, längst verarbeitet und kommentiert. Dem kann die Zeitung der Zukunft nur durch mehr Kommentar und Meinung entgegenwirken. Was sie jedoch sträflich vernachlässigen (lat. Hospitalismus).

Betreiben wir mal SWAT: Die Schwäche der meisten anderen Medien liegt im Lokalen. Da, wo die Menschen verwurzelt sind. Da, wo die Zeitung die Rolle eines (Ver-) Bindungs-Mediums spielen könnte. Und die Menschen mit ihrem Wohnort, ihrem Dorf, ihrer Heimat verbinden und verbünden könnte. Leider sparen die Zeitungsverlage aber derzeit genau an dieser Stelle und bauen lokale Redaktionen ab.
Mit dem Weg, den die Zeitungen eingeschlagen haben – nämlich Agenturmeldungen kommentarlos abzudrucken und Einsparungen im Lokal-Ressort vorzunehmen – haben sie sich dem mehr oder weniger schnellen Tod geweiht. Aber: Es wird sich nicht als Mord darstellen lassen, gar als einen heimtückischen Mord durch das Internet. Es war eindeutig Selbstmord. Medizinisch also Suicidium.

Finden die Zeitungen aber zurück zu ihrer ursprünglichen Mission, dann können sie den Internet-Virus überstehen. Wenn sie qualifizierte Journalisten daran setzen, Nachrichten zu kommentieren und zu bewerten. Wenn sie ihre Lokal-Teile wieder ausbauen. Dann werden wir den Zeitungen eine (alte) neue Funktion zuweisen: Als Meinungsbildner und als „local hero“, als Integrationsmedium und als hochemotionales Beziehungsmedium.

Nein. Der Blick in die Zukunft, auf die Funktionen von Print und dabei auf seine Stärken und Schwächen, zeigt eindeutig: Print leider keinesfalls unter diesem gemeinen „Internet“-Virus. Sondern unter Depressionen. An einem Unverständnis der eigenen Position. Und an verlorener Selbstfindung.

Kehren wir zurück ans Krankenbett. Da liegt nun Print. Und weiß nicht weiter. Und der Arzt ebenso wenig. Natürlich hat Print die falschen Ärzte gerufen und die falschen Symptome behandeln lassen. Print ist nicht physisch krank, sondern leidet einfach nur unter Depressionen. (Und gegen Blähbauch hilft ja angeblich Activia…)

Jetzt spielen wir mal Arzt. Wir verschreiben dem Patienten Print keine Anti-Depressiva, sondern treten dem wehleidigen Hypochonder einfach mal kräftig in den Hintern.
 
 

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2 comments
  1. Lieber @ufomedia,vielen Dank für deine unterhaltsame und in vielen Punkten sehr zutreffende Anamnese des Krankheitsbildes von Print.Folge ich deinem Befund – Depression, dann frage ich mich allerdings, ob der "kräftige Tritt in den Hintern" als OTC Medikamention, den Heilungsprozess wirklich in Gang setzt. Bei Hypochondern mag das sinnvoll sein. Bei Depressionen allerdings muss m.E. erst die Selbsterkenntnis des Vorliegens einer psychischen Krankheit erfolgen und der Wille aus sich heraus, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kann und muss Print aus sich heraus alleine schaffen. Das braucht eine Menge Mut, Veränderungswillen und Experimentierfreudigkeit. Leider ist es in vielen Fällen allerdings so, dass dieser Veränderungswille erst dann eintritt, wenn der Schmerz fast schon unerträglich ist und der Patient direkt vor der unüberwindbar erscheinenden Mauer steht. Das haben auch schon andere Patienten erlebt, wie eindrucksvoll auf dem NRW Medienforum von Tim Renner aus dem Bereich der Musikindustrie berichtet wurde. Es scheint fast so, als seien da die Schmerzen von Print vielleicht noch nicht groß genug?Es gibt ja aber auch schon schöne Beispiele, die eindrucksvoll beweisen, dass eine frühzeitige Selbsterkenntnis, Schmerzlinderung verschafft, wenn wir hier z.B. an die Rhein Zeitung denken.Was in meinen Augen allerdings nichts nützt, ist ein ewiges Bashing einiger Online-Ärzte, welche auch noch kein Allheilmittel für Print hervorgebracht haben. Print hilft hier nur der konstruktive, selbstkritische Dialog, was @MichaelKroker und @Olaf_Storbek in Ihrer Diskussion auf G+ um den Copy-Paste Journalismus in meinen Augen bereits wirklich sehr gut gemacht haben http://goo.gl/o9JWm. Auch @caroliN ruft im Blog der Digital Media Women Hamburg im Nachgang zum NRW Medienforum http://goo.gl/0fAA9 hierzu auf.Alles in Allem ist Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung und da stehen einige Verlage noch am Anfang.

  2. Thomas Koch said:

    Liebe @FDZSTEEGER, danke für die Zustimmung und vor allem für die guten Beispiele. Tatsächlich sind die Schmerzen in den Printverlagen noch längst nicht unerträglich. Vor allem, wenn man in die Bilanzen sieht. Mein "kräftiger Tritt in den Hintern" sollte genau die Gegen-Reaktion auslösen: Nämlich die Frage beantworten helfen, ob die Printverlage nur Hypochonder sind – oder doch schon depressiv. Ich bin sehr gespannt, ob es noch weitere Stimmen dazu gibt. Vor allem aus dem Print-Lager…

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